NATALIE BÖHLER

TIGER ERDOLCHEN (MORITZ GERBER)

SELECTION CINEMA

Zwischen Tonic und Lisa liegen 697 Kilometer: die Distanz zwischen Bern und Rom. Ein Jahr soll Lisas Praktikum in Rom dauern, versichert sie beim Wegzug aus Bern.

Wie weit sind 697 Kilometer? Macht der Abstand es einfacher oder schwieriger, an die Liebe zu glauben? Tonic verlebt seine Tage in wieder gefundenem, aber nicht gesuchtem Alleinsein und versucht, mit der plötzlichen Abwesenheit seiner Freundin zurechtzukommen. Er guckt den Wolken nach, raucht und geht spazieren in einem winterlichen Bern, dessen verschneite Stadtlandschaften seine Befindlichkeit spiegeln. Er verbringt Zeit mit seiner Schwester und hängt mit seinem besten Freund herum, mit dem er absurd-philosophische Gespräche über Gott und die Welt führt. Zwischendurch befallen ihn Flashbacks in warmen Farben aus froheren Zeiten: Nachtspaziergänge mit Lisa, Umarmungen, Lachen. Als Lisa endlich wieder einmal zu Besuch kommt, hat sie nur noch ihren Job im Kopf. «Ich höre dieser Frau lieber zu, wie sie schläft, als wenn sie wach ist und von Rom schwärmt», meint Tonic daraufhin zu seinem Kumpel. Doch wovon sonst erzählen als vom Leben, das man nicht mehr wirklich teilt? Eine nagende Ratlosigkeit schleicht sich allmählich ein: Worin besteht das Gemeinsame noch, wenn eine Beziehung nur mehr von einzelnen Wochenenden lebt? Langsam wird die Zweisamkeit zu geteilter Einsamkeit, die räumliche Distanz zu einer menschlichen.

Moritz Gerbers Abschlussfilm an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich schildert diese Alltagstristesse mit leiser Ironie, was die Erzählung vor Plattitüden bewahrt und zu einer kleinen, feinen, oft witzigen Studie über eine Fernbeziehung macht. Gekonnt werden einzelne Momente herausgegriffen: die freudige Vorbereitung aufs Wiedersehen, die dann mit dem leichten Befremden beim tatsächlichen Wiedersehen kontrastiert. Der Frust, der sich beim Abschiednehmen immer wieder einstellt. Das Gefühl von Verlassenheit beim Zurückbleiben auf dem Bahnsteig und die schwindende Zukunftsperspektive.

Die Montage des Films beweist ein sicheres Gespür fürs Timing: Lakonisch reihen sie Alltagsschnipsel aneinander und fragmentieren das Geschehen, was die Sprunghaftigkeit von Tonics Gefühlen treffend vermittelt. Durch die humorvollen Pointen gewinnt das Drehbuch eine Leichtigkeit, welche die Beobachtung eines eigentlich traurigen Themas durchaus vergnüglich gestaltet. Dazu trägt auch der Hauptdarsteller Dominique Jann bei, der mit seinem Schauspiel die Balance zwischen Ironie und Melancholie souverän trifft. Schön an Tiger Erdolchen ist aber vor allem, wie der Film das Lebensgefühl um Mitte zwanzig einfängt: die Sehnsucht nach dem Eingebundensein, nach dem Aufgefangenwerden in einer Liebesbeziehung, und der Graben, der sich auftut durch die gleichzeitige Suche nach Selbstverwirklichung.

Natalie Böhler
Filmwissenschaftlerin, lebt in Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion 2002-2007. Promotion zu Nationalismus im zeitgenössischen thailändischen Film. Interessenschwerpunkte: World Cinema, Südostasiatischer Film, Geister im Film.
(Stand: 2016)
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