DORIS SENN

HÖLLENTOUR (PEPE DANQUART, WERNER SWISS SCHWEIZER)

SELECTION CINEMA

«Nur die Besten überleben!» So viel Darwinismus im Sport erstaunt nur beim ersten Hinhören. Ist es doch nichts weiter als die heutige Adaption vom «Stärkeren, der gewinnen möge». Und zwar in kaum einem anderen Bereich so sehr wie im Radsport, wo neben punktuellen Höchstleistungen immer auch viel Ausdauer gefragt ist. Insbesondere beim Königs-Event der Disziplin: der Tour de France, für die das obige «Motto» ausgegeben wurde.

Der deutsche Filmemacher Pepe Danquart – der 1994 für seinen Kurzfilm Schwarzfahrer einen Oscar erhielt – und Werner Swiss Schweizer (Noel Field, 1996, Von Werra, 2002) begleiteten mit drei Kamerateams das sportliche Grossereignis in seinem 100. Jahr. Im Zentrum dieser schwergewichtig deutschen Filmproduktion stand das Telekom-Team, und dabei allen voran Erik Zabel und Rolf Aldag, die schon seit zehn Jahren Zimmer und Vertrauen teilen. Mit Höllentour gewinnen wir Einblick in den Alltag, in die Freuden, vor allem aber Leiden der Tour, wo die Fahrer zu Höchstleistungen angespornt werden und Unfälle – die berüchtigten Massenstürze – an der Tagesordnung sind. Hat man sich einmal für diesen ruhmvollen Parcours qualifiziert, scheinen Schmerzgrenzen inexistent: Man mag sich gar nicht vorstellen, wie die Fahrer die Strapazen – für die der Körper schon bei guter Verfassung sämtliche Reserven mobilisieren muss – mit all den Versehrungen, mit gebrochenem Steissbein (Andreas Klöden) oder Schlüsselbein gar (Tyler Hamilton) aushalten.

Die Sportlerbodies, denen sich das Trainingstenü buchstäblich in die Haut gebrannt hat (tiefbraun heben sich Kopf und Extremitäten vom käseweissen Rumpf ab), tragen jeden Tag ihre Wunden zurück ins Teamlager – beinahe wie Krieger vom Schlachtfeld. Dort werden sie massiert und gecremt, ermutigt und mit Schmerzmitteln versorgt, um eine weitere Etappe durchzuhalten. Danquart und Schweizer interessierten sich vor allem für die persönliche Seite der Tour, und so machten sie die Kamera zu einer engen Vertrauten der Protagonisten. Dadurch gibt der Film ein entsprechend ungebrochenes Bild von den Sportlern – insbesondere von Zabel, der seine ganze Persönlichkeit und jedes Quäntchen Kraft für den renommierten Parcours aufwendet. Für einen enthusiastischen Rückblick in die Vergangenheit der Tour sorgt Serge Laget: Kein Detail, keine Anekdote fehlt in der Schatztruhe seines Wissens.

Auf der Bildebene trotzen die Kameras dem sportlichen Ereignis nicht nur ein paar bemerkenswert ästhetische Momente ab – etwa wenn die Fahrerschar als Farbstreifen zwischen den Sonnenblumenfeldern aufblitzt oder der Tross sich wie ein Schild aus Helmen durch die Strasse drängelt –, sie weiden sich auch an den skurrilen Nebenschauplätzen der Tour: die Werbekarawane, die mit Riesenbären und Pompon-Girls die Fahrer ankündet; beleibte Ehepaare, die es sich unter Sonnenschirmen und auf Wolldecken am Strassenrand gemütlich machen; oder die Fans, die stundenlang warten, um dann ihre Helden in Sekundenschnelle vorbeiflitzen zu «sehen». Die Musik (Till Brönner) gibt dem Ganzen den Drive und akzentuiert die emotionalen Momente der Tour – unterstreicht mit ihrem effektvollen Einsatz aber auch den Eindruck, dass mit Höllentour ein etwas allzu geschöntes (Werbe-) Porträt von Event und Team entstanden ist.

Doris Senn
*1957, Studium der Romanistik, der Euro­päischen Volksliteratur und der Filmwissenschaft. Freie Filmjournalistin sowie seit 2001 Co-Leiterin des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple. Lebt in Zürich.
(Stand: 2017)
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