NATALIE BÖHLER

QUELQUES NOTES SUR L’ART DE LA MÉMOIRE (DOMINIQUE COMTAT)

SELECTION CINEMA

Ein kleiner Junge liest Sätze aus Werken abendländischer Philosophen, die sich um die Erinnerung drehen: Dieses Motiv zieht sich als roter Faden durch Comtats halbstündigen Essay übers Erinnern und Vergessen. Der Junge liest stockend vor, er hat noch keine Übung. Die Sätze tönen aus seinem Mund jedoch nicht so sehr unsicher als eher kritisch-prüfend: Die Komplexität des Textinhalts und der Sprache brechen stark mit der Frische, die das Bild des Kindes am Tisch im Sommergarten ausstrahlt. Einen ähnlichen Effekt hat die Herangehensweise Comtats an das vielschichtige Thema «Erinnerung». Der Filmemacher beobachtet seine nächste Umgebung und reiht Gefilmtes wie Fundstücke zu einer Meditation über das Vergehen der Zeit und dessen Auswirkung auf die Erinnerung aneinander.

Zuallererst sehen wir den Filmemacher selbst in seinem Atelier: Er baut seinen alten Schneidetisch ab und ersetzt ihn mit einem Macintosh. In Jump Cuts schildert er, wie das geschichtsträchtige Arbeitsgerät demontiert und im Schuppen verstaut wird, um anschliessend leicht selbstironisch das Hantieren mit Kabeln und Steckern zu zeigen, das das modernere Digitalschnittgerät ihm abverlangt. Bunt vermischt folgen Aufnahmen aus seinem Alltag und der südfranzösischen Landschaft, in der er lebt: In den Sedimentschichten des Gebirges wird die Landschaft als über lange Zeit gewachsenes Gebilde sichtbar. Super-8-Filmschnipsel berichten von der Vergangenheit seiner Familie, später werden sie abgelöst von ähnlichen Home-Movie-Aufnahmen, diesmal aber auf digitales Videomaterial gebannt. Der Filmemacher räumt sein Büchergestell aus; die sorgfältig im Koffer verstauten Bücher lässt er am Wegrand stehen, die achtlos in eine Plastiktüte geworfenen hingegen behält er. Eine alte Schallplatte kratzt und leiert unter der Nadel des Plattenspielers: Auch hier hat die Zeit auf einem Medium Spuren hinterlassen. Es tauchen eingestreute kleine Bilderrätsel auf: eine Pendeluhr, ein Knoten im Taschentuch, das an einer Wäscheleine hängt.

Der Junge liest von der Entstehung einer Erinnerung: Man macht sie sich, indem man Bilder aussucht, die man bewahren will, und sie wie in einzelnen Schubladen konserviert. So funktioniert auch dieser Film – aus der scheinbaren Zusammenhangslosigkeit im Vermischen von Inszeniertem, Halbinszeniertem und Gefundenem entsteht durch das Mitdenken der Zuschauer ein stimmungsvolles Gedankenbild über die Spuren der Zeit.

Natalie Böhler
Filmwissenschaftlerin, lebt in Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion 2002-2007. Promotion zu Nationalismus im zeitgenössischen thailändischen Film. Interessenschwerpunkte: World Cinema, Südostasiatischer Film, Geister im Film.
(Stand: 2016)
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