VERONIKA GROB

MEIER MARILYN (STINA WERENFELS)

SELECTION CINEMA

Die übergewichtige Coiffeuse Marilyn Meier ist unglücklich: Lustlos schneidet sie der spärlichen Kundschaft die Haare und lässt sich von ihrem verheirateten Liebhaber, dem Gemeindepräsidenten, leere Versprechungen machen. Zwar möchte ihr Angestellter Hans-Georg den Salon auf Vordermann bringen und macht ihr einen Heiratsantrag, doch Marilyn träumt von der grossen Karriere als Sängerin. Alles ändert sich, als sie an der Geburtstagsfeier ihres geliebten Gemeindepräsidenten betrunken ein peinliches Ständchen singt. Ein anwesender Musikproduzent aus Zürich lädt Marilyn nämlich daraufhin in sein Studio ein, und Halil, der türkische Kellner vom Rössli, der mit seinem Keyboard als Alleinunterhalter auftritt, beginnt mit ihr zu proben. Ihr gemeinsames Ziel ist es, in der bekannten Schlagersendung «Musik mit Herz» aufzutreten.

Regisseurin Stina Werenfels, die mit ihrem Kurzfilm Pastry, Pain and Politics Kritik und Publikum gleichermassen begeisterte und 1999 dafür den Schweizer Filmpreis erhielt, konnte mit Meier Marilyn in der Reihe «Fernsehfilm SF DRS» ihren ersten langen Spielfilm realisieren. Mit der Drehbuchautorin Petra Volpe hat sie ein schräges Märchen über die grossen Träume kleiner Leute geschaffen, das sich leichthändig mit Heuchelei, schweizerischem Kleinstadtmief und, wie schon in Pastry, Pain and Politics, mit dem Zusammenleben verschiedener Kulturen befasst. Mit Meier Marilyn beweist Stina Werenfels einmal mehr ihr Gespür für Schweizer Befindlichkeit, ohne dass die präzise Milieustudie die Figuren je entblössen würde. Viel Prominenz aus Theater, Film und Fernsehen hat sie dabei unterstützt. In der Hauptrolle ist die Theaterschauspielerin Bettina Stucky zu sehen. Stucky ist Ensemblemitglied des Zürcher Schauspielhauses und wurde 2002 mit dem Alfred-KerrPreis als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet. Für Meier Marilyn hat Bettina Stucky das erste Mal die Theaterbretter gegen die Leinwand eingetauscht, und man schliesst ihre voluminöse Figur – trotz ihrem Hang zu schlechtem Geschmack – sofort ins Herz. An ihrer Seite ist der hagere Pablo Aguilar zu sehen, der seine Schauspielausbildung in Argentinien gemacht hat und schon in diversen Schweizer Kurzfilmen zu sehen war. Das ungleiche Duo intoniert die eingängigen Songs der Bündner Sängerin Corin Curschellas, die zu richtigen Ohrwürmern werden. In prominenten Nebenrollen treten der zweifache Adolf-Grimme-Preisträger Stefan Kurt, Max Rüdlinger und die letztes Jahr verstorbene Sybille Courvoisier auf. Als fesche Serviertochter ist die Quiz-Moderatorin Susanne Kunz zu sehen, und in Cameo-Autritten machen selbst die Schlagersängerin Paola und Fernsehdirektor Peter Schellenberg Meier Marilyn ihre Aufwartung.

Trotz dem etwas harzigen Einstieg entwickelt sich Meier Marilyn zu einer vergnüglichen und liebenswürdig schrägen Komödie, wie man sie in diesem Land selten zu sehen bekommt.

Veronika Grob
*1971, Studium der Literaturwissenschaften, arbeitet in der Filmredaktion des Schweizer Fernsehens. Sie ist Vorstandspräsidentin des Kinos Xenix und in der Fachkommission Spielfilm der Zürcher Filmstiftung. Mitglied der CINEMA-Redaktion von 2002–2007.
(Stand: 2011)
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