VERONIKA GROB

DIETER ROTH (EDITH JUD)

SELECTION CINEMA

Der 1998 verstorbene Schweizer Künstler Dieter Roth muss ein unerträglicher Mensch gewesen sein. So befahl er seiner isländischen Ehefrau Sigridur Björnsdottir als Erstes, sämtliche Kleider und Bücher wegzuwerfen, da diese nicht seinem Geschmack entsprachen. Dem künstlerischen Weggefährten Arnulf Rainer pinkelte er auf den Teppich und zerschnitt und übermalte ihm die Werke in so genannten Malduellen. Ständig stritt sich der Künstler mit seinen diversen Galeristen. Neugierige Journalisten kanzelte er mit den Worten «Hier herrscht Dieter Roth» ab. Die unzähligen Anekdoten über den egozentrischen Misanthropen garantieren den hohen Unterhaltungswert von Edith Juds Porträtfilm Dieter Roth.

Im neuen Basler Schaulager gab es im Sommer 2003 die erste grosse Retrospektive von Dieter Roth zu sehen. Auf Initiative der Direktorin Theodora Vischer realisierte Edith Jud das Künstlerporträt dazu. Angesichts der Materialfülle entschied sich die Filmemacherin, die fürs Fernsehen schon diverse kürzere Künstlerporträts realisiert hat, für einen abendfüllenden Dokumentarfilm. Sie reiste an die verschiedenen Orte, an denen Roth gelebt hatte, und befragte Geliebte, Galeristen, Freunde, künstlerische Weggefährten und die Familie. Roths Sohn Björn, der auch dessen hinterlassenes Werk weiter betreut, führt dabei quasi als Leitfigur durch das Leben seines Vaters. Im Zentrum des filmischen Porträts stehen aber diverse originale Filmaufnahmen von Freunden und Familie, Aufnahmen von öffentlichen Auftritten sowie Ausschnitte aus diversen Kunstvideos.

Gerade beim vielfältigen Aktionskünstler Dieter Roth, der sich mit Malerei, Skulpturen, Design, Grafik, Video und Perfomance befasste, ist es wohl unmöglich, die berühmte Trennlinie zwischen Werk und Person zu ziehen. So fliessen im Juds Dokumentarfilm Dieter Roth biografische und thematische Aspekte zusammen. Die Filmemacherin hat sich dabei, wie sie selbst sagt, auf die Themen Transformation und Vergänglichkeit konzentriert, die wohl den Kern von Roths Kunst ausmachen. Das Enfant terrible pfiff auf ein bürgerliches Kunstverständnis: Nicht einen ewigen Wert suchte er in seinen Werken, sondern die Schönheit des Zerfalls. Der faszinierende Egomane liebte es, mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten und sich durch die gegenseitige Herausforderung befruchten zu lassen, doch war er auch ein melancholischer Einzelgänger, der an sich selbst und seinem Alkoholismus zerbrach. Am berührendsten zeigt sich dies in den «Soloalben», in denen sich Roth als alten, einsamen Mann in ganz alltäglichen Szenen selbst filmte. Zu seinem Wiener Galeristen Kurt Kalb soll er einmal gesagt haben, dass er am liebsten gar nicht mehr weiterleben möchte, aber sich jetzt noch eine Zeit lang anschaue, wie das gehe. Nur in Island, wohin er immer wieder zurückkehrte, hat der rastlose Künstler scheinbar so etwas wie eine Heimat gefunden. In Pio Corradis wunderschönen Bildern von der kargen isländischen Landschaft vermeint man denn auch die organisch zerfallenen Reliefs von Roths berühmten Schokoladenund Schimmelbildern wiederzuentdecken.

Veronika Grob
*1971, Studium der Literaturwissenschaften, arbeitet in der Filmredaktion des Schweizer Fernsehens. Sie ist Vorstandspräsidentin des Kinos Xenix und in der Fachkommission Spielfilm der Zürcher Filmstiftung. Mitglied der CINEMA-Redaktion von 2002–2007.
(Stand: 2011)
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