MARCY GOLDBERG

KEIS HÄNDLI – KEI SCHOGGI (SUSANNA HÜBSCHER)

SELECTION CINEMA

Ein Remake des tschechischen Kitsch-Klassikers Drei Haselnüsse für Aschenbrödel (1973) hätte es werden sollen. Doch der Diplomfilm der HGKZ-Studentin Susanna Hübscher nahm bald andere Wendungen. Schon mit ihrer Entscheidung, selber die Hauptrolle zu spielen und einen Prinzen zu suchen, stellte die Filmemacherin die Konventionen des Märchens auf den Kopf. Daraus entstand eine Reihe von verspielten, teils selbstreflexiven Szenen, in denen Inszenierung und Autobiografie verschmelzen und die Suche nach dem Helden für den Film auch zur Suche nach dem Prinzen fürs Leben wird.

Immer wieder also werden Fiktion und Nichtfiktion nebeneinander gestellt oder miteinander vermischt. Vor theatralischen Märchenkulissen nimmt Hübscher Castings mit verschiedenen Kandidaten für die Rolle des Prinzens auf. Bald sitzt sie selber vor den Fernsehkameras der Sendung «Swiss Date» des Lokalsenders TeleZüri, wo sie Bewerber einer ganz anderen Art angeboten bekommt. Vor dem Prager Schloss begegnet sie dem Hauptdarsteller von Drei Haselnüsse für Aschenbrödel und stellt ihm Fragen über Ruhm und Liebe. In Italien besucht sie die Ehefrau eines richtigen Prinzen – Spross der königlichen Familien Italiens und Jugoslawiens – und befragt sie über ihr Glück. Eine weitere Frau stellt ihren königlichen Partner vor: den selbst ernannten «Reggae-King» Lee Scratch Perry. Über Liebe und Glück diskutiert sie dann auch mit zwei wichtigen Personen aus ihrem eigenen Leben: einer guten Freundin und Hübschers eigener Mutter. Zwischendurch werden immer wieder Zitatausschnitte aus Drei Haselnüsse für Aschenbrödel eingeflochten. All diese heterogenen Elemente werden durch eine raffinierte Kameraund Schnittarbeit zusammengehalten. In den von Hübschers Filmteam gedrehten Szenen wird mit der Bilderbuch-Ästhetik des tschechischen Spielfilms gespielt. Jump-Cuts verbinden diverse Orte und Zeiten und tragen zur zauberhaften Erzählstimmung bei.

Statt einer Märchen-Verfilmung liefert Hübscher eine vielschichtige und witzige Betrachtung über den Mythos des Märchenprinzen und – in erster Linie – über die Frauen, die von ihm träumen. Sucht Hübscher am Anfang von Keis Händli – kei Schoggi einen Darsteller für die Rolle des Prinzen und später einen Partner im richtigen Leben, gelingt es ihr schliesslich, die Frage des Glücks von der Vorstellung der ewigen Liebe zu trennen. Dass am Ende des Films kein Prinz auf dem weissen Pferd auftaucht, sondern die Regisseurin selbstbewusst auf ihrem Schimmel davonreitet, ist nur die logische Konsequenz von Hübschers Nachforschungen, die trotz aller Ernsthaftigkeit immer eine ironische Distanz zum Thema wahren. Denn wie sie bald merkt – und wie es im Titel angekündigt wird –, hält sie ihr Glück in den eigenen Händen. Eine Botschaft, die dank der verspielten Machart des Films keineswegs didaktisch, sondern geradezu erfrischend wirkt.

Marcy Goldberg
*1969 in Montreal, Kanada, wohnt seit 1996 in Zürich. Medienberaterin, Dozentin und Übersetzerin (u. a.). Dissertationsprojekt zum selbstkritischen Bild der Schweiz im neueren Schweizer Film.
(Stand: 2010)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]