DORIS SENN

UNE SUISSE REBELLE - ANNEMARIE SCHWARZENBACH 1908-1942 (CAROLE BONSTEIN)

SELECTION CINEMA

«Um ein Haar wäre Annemarie Schwarzenbach vergessen worden», meint die Germanistin Sabine Ferner zu Beginn des Films. Eine Ge­fahr, die umso grösser ist, je unbequemer Zeit­genossinnen sind. Und Schwarzenbach war unbequem: als Intellektuelle und Bohémienne, als Homosexuelle und Drogensüchtige, als po­litisch engagierte Stimme. Mit ihren glühenden antinazistischen Artikeln ging sie nicht nur aut Konfrontationskurs mit ihrer nazifreundlichen Familie. Sie hielt auch der mit dem Führertum liebäugelnden Schweiz einen (entlarvenden) Spiegel vor. Die Folgen: Ihre Texte wurden nicht mehr publiziert, und nach ihrem frühen Tod vernichteten Mutter und Grossmutter Tagebücher und Korrespondenz, um die per­sönlichen Spuren des zeitlebens unangepassten Sprösslings auszulöschen.

Schwarzenbachs Wiederentdeckung setzte 1987, fünfundvierzig Jahre nach ihrem tragi­schen Unfall, mit der Neuauflage ihres Romans Das glückliche Tal ein. Seitdem folgen sich in immer kürzeren Abständen Reeditionen ihrer Werke und Reportagen sowie ihrer Fotogra­fien. Nun ist ihr auch ein erstes filmisches Port­rät gewidmet. Garole Bonstein hatte das Pro­jekt schon begonnen, als ihr der Historiker und Grossneffe Schwarzenbachs, Alexis Schwar­zenbach, einen sensationellen Fund im Fami­lienarchiv mitteilte: fünf Stunden 16-mm-Film- material, das die grossbürgerliche Seidenfabri­kantenfamilie im Privaten, aber auch im Kreise gesellschaftlicher Anlässe zeigt und ihr herr­schaftliches Anwesen in Bocken über dem Zü­richsee vorführt.

Diese Aufnahmen stehen nun im Zentrum von Une Suisse rebelle. Sie werden ergänzt durch Reenactments - vor allem in Rostrot getauchte Schreibszenen, die den Zitaten aus Schwarzenbachs Schriften unterlegt sind - und Statements von Fachleuten sowie persönlichen Bekannten. Die subtile biografische Collage rückt dabei vor allem zwei Facetten von Schwarzenbachs Wesen und Schaffen ins Ficht: einerseits ihr schriftstellerisches Werk, das ihr von Melancholie und Todessehnsucht über­schattetes Leben widerspiegelt. Andererseits ihre politischen Stellungnahmen und Reporta­gen - als Feministin über die Frauen in Afgha­nistan, als Klassenkämpferin über die Schwar­zen in Amerika, als frühe Mahnerin im eigenen Fand gegen den aufkeimenden Nationalsozia­lismus. Dazu fügt sich ein Bild der dramati­schen Familienkonstellation mit der dominan­ten Mutter Renée Wille von Bismarck, deren Einfluss Schwarzenbach sich nie zu entziehen vermochte.

Besonders spannend erweist sich aller­dings ein ikonografischer Aspekt: Schwarzen­bachs androgyne Schönheit war viel bewun­dert. Ihre Freundin und Fotografin Marianne Breslauer beschreibt sie als engelhafte Figur, die nicht zuletzt auch an dieser ihrer Erschei­nung - und den daran geknüpften Erwartun­gen - scheiterte. Ihre ikonenhaften Porträts zeigen eine selbstsichere, faszinierende, nar­zisstische Frau. Dem stellen sich nun die Ama­teurfilmbilder entgegen: Dort entpuppt sich Schwarzenbach als eher unsichere, mädchen­hafte Gestalt, die etwas linkisch im luftigen Unterkleid Posen des experimentellen Tanzes übt oder sich befangen im Gedränge eines offi­ziellen Empfangs auf Bocken tummelt. So er­öffnen die bewegten Bilder eine ganz andere Persönlichkeit, die aber - auf dem Hintergrund von Schwarzenbachs Romanen und Biografie - wohl eher ihr wahres Wesen wiedergeben.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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