DORIS SENN

TO DATE (SONJA WYSS)

SELECTION CINEMA

Eine junge Frau mit nassem Haar (die Filmemacherin selbst) steht vor weiss gekacheltem Hintergrund – den Blick starr in den Spiegel und damit in die fixe Kamera gerichtet. Der Titel des kurzen Videos gibt das Programm vor: Es geht um ein «Date» oder besser um das Schönheitsstyling, das diesem vorausgeht. In den achteinhalb Minuten, die das Video dauert, wird im Schnelldurchlauf ein Gesicht zurechtgemacht, aufgeputzt und abgeschminkt, neu berbeitet und in Form getrimmt, auf seine Wirkung geprüft und im Exzess schliesslich verwüstet.

Da werden Haare gerubbelt, nach hinten gebürstet und in Locken gefönt, mit Gel in wilde Façon gebracht, in verspielte Strähnen drapiert und mit den Händen wieder zum braven Pagenkopf geformt. Unter ausgiebiger Zuhilfenahme eines Schminkinstrumentariums – vom Lidschatten zur Puderquaste, vom Pinsel zum Lippenstift, von der Wimperntusche zum Wangenrouge – werden Brauen gebürstet, Wimpern nachgezogen, Augen umrandet, Lider bemalt, Wangen gepudert und Lippen gerötet. Durch die erhöhte Geschwindigkeit der ablaufenden Bilder wirken die routinierten Handgriffe grob und lieblos, die Geräusche auf der nüchternen Tonspur – der Föhn, das Deponieren der Utensilien – aggressiv und hektisch. Das vorerst dezente Make-up wird zunehmend knalliger, das brave Mädchen zum Vamp, der Vamp zum Clown, das Clownsgesicht zur verschmierten Fratze.

Dazwischen wird Hauptprobe fürs Rendezvous gehalten: eine Zigarette angezündet, geflirtet, gelacht, die Augen zum abgebrühten Femme-fatale-Blick verengt oder görenhaft Kaugummi gekaut. Mit wenigen technischen Mitteln wird so ein komplexter Wandlungsprozess dokumentiert, der in seiner grotesken Steigerung das alltägliche Rollenspiel zur amüsanten Tragikomödie ausarten lässt. Sonja Wyss zeichnet bisher für verschiedene Videoinstallationen und experimentelle Videofilme und erhielt für To Date den ersten Preis im Schweizer Wettbewerb der Luzerner Viper 1999.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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