DORIS SENN

ADDIO LUGANO BELLA (FRANCESCA SOLARI)

SELECTION CINEMA

Addio Lugano bella - der Titel entstammt einem populären Anarchistenlied - geht von den gerichtlichen Auseinandersetzungen um Giorgio Bellini aus. Der gebürtige Tessiner Bel­lini schloss sich der 68er-Bewegung an und setzte sich auch in den Folgejahren - in Zürich - aktiv für den Klassenkampf ein. In den Acht­zigern war er eine der wichtigen Figuren der Zürcher «Bewegung»: Herausgeber der Zei­tung «Eisbrecher» und in der Besetzerszene engagiert. 1981 wurde er beschuldigt, zur Ter­roristenorganisation Carlos zu gehören, und erst in Deutschland inhaftiert, später auch in der Schweiz.

Francesca Solari bekannte sich ihrerseits früh zu der extremen Linken in der Schweiz und Italien und war in den Siebzigern Mitglied der Organisationen Lotta Continua und Auto­nomia Operaia. In den Achtziger- und Neun­zigerjahren arbeitet sie in Paris als Fernseh­journalistin und -regisseurin. Ihr Film ist ein komplexes Bild-Ton-Poem, das die politische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte und ihre persönliche Biografie aufrollt: Sie evoziert ihr Verhältnis zu ihren Eltern, ihrer Tochter, ihre Liebesbeziehung zu Giorgio Bellini.

Anders als in Do It von Sabine Gisiger und Marcel Zwingli (CH 2000), der gleichzei­tig derselben Epoche der jüngeren Schweizer Geschichte nachgeht, gibt es in Addio Lugano bella nur eine bedingt chronologisch lineare Struktur. Zwar äussern sich auch hier die In­volvierten in der ersten Person - es dominiert aber der Blickwinkel der Regisseurin, die Bild- und Tonmaterial, Fakten und Erinnerungen in subjektiv-experimenteller Weise arrangiert und die auch im Film selbst präsent ist: als Abbild und als Sprecherin. Gedanken und Bilder, Foto­grafien und Aussagen, historische Videodoku­mente und inszenierte Episoden - von Bellinis Gefängnisaufenthalt - legen sich übereinander. Sich durchdringend, fügt sich Aufnahme an Aufnahme, werden Fäden aufgenommen und wieder fallen gelassen. Wie eine Spirale dreht sich der Film um seine Figuren, auf die er aus immer wieder neuen Perspektiven zurück­kommt. Im Zentrum: Oreste Scalzoni, ein Pro­tagonist der italienischen 68er-Bewegung - Freund und wichtige ideologische Leitfigur Solaris. Immer wieder zitiert sie ihn, seine Er­innerungen, sein Spektakel: eine multimediale Rezitation, in der er den politischen Kampf der letzten Jahrzehnte als «Journal imaginaire» Revue passieren lässt.

Bela Balasz prägte den Ausdruck «Bild­akkord», der prägnant die Filmstruktur in Addio Lugano bella fasst und sich auch auf den Stimmenkanon darin ausdehnen lässt. Zuwei­len überfordert die Collage die Zuschauer­innen: Nicht nur, dass Bilder von heute und gestern sich verquicken, Impressionistisches, Inszeniertes und Authentisches sich vermischt. Oft ertönen auch verschiedene Kommentar­spuren simultan und ergänzen sich mehrspra­chig (Italienisch und Französisch), verklingen mitten im Satz, vervielfachen sich echohaft.

Ein zumindest rudimentäres Wissen um die politischen Geschehnisse ist eine gute Vor­aussetzung für das Verständnis des Films. Man kann sich jedoch auch dem filmischen Erinne­rungsstrom anvertrauen, sich von ihm treiben lassen: Mit etwas Geduld fügen sich die Teile langsam zu einem sehr persönlichen Memoi­renfilm und Dokument über eine Zeit, in dem nicht jedes Erinnerungsfragment im Einzelnen ausgeleuchtet werden muss.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]