ANDRES JANSER

DIE REISEN DES SANTIAGO CALATRAVA (CHRISTOPH SCHAUB)

SELECTION CINEMA

Seit den Achtzigerjahren, als Santiago Calatrava durch Bahnhofshauten in Luzern und Zürich­Stadelhofen bekannt wurde, zählt er zu jenen erfolgreichen Baukünstlern, deren Werke in verschiedenen Ländern entstehen. Zu einer Ausnahmeerscheinung macht ihn dabei seine Doppelbegabung und -ausbildung als Archi­tekt und Ingenieur. In seinen Entwürfen orien­tiert sich Calatrava an organischen Strukturen von Bäumen, aber auch von Knochen, die er sich an seinem Arbeitsplatz in Form eines menschlichen Skeletts vor Augen hält. Stets ist er jedoch von der Einsicht getragen, dass die unbestrittenen Eormqualitäten solcher Vorbilder nicht erreicht werden können - «der Baum ist immer viel besser», so eine seiner aufschluss­reichen Äusserungen im Film.

Christoph Schaubs Porträt gibt einen gültigen Einblick in Calatravas Denken, seine Arbeitsweise und seine Bauten. Wie schon bei Il girasole - una casa vicino a Verona (1995), dem gemeinsam mit dem Architekten Marcel Meili realisierten filmischen Essay über ein Wohnhaus aus den Dreissigerjahren, ist Schaub in Zusammenarbeit mit dem Kameramann Matthias Kälin auch hier darauf aus, die Wahr­nehmung von Architektur im Akt der Betrach­tung zu ermöglichen: Die schieren Dimensio­nen und, vor allem, die räumliche Komplexität von Calatravas Werken sind anders als in ruhi­gen Aufnahmen und langen Einstellungen kaum adäquat zu vermitteln. Gerade dann, wenn die Bewährung der Bauten - meist eigentliche begehbare und befahrbare Plasti­ken, für deren Zeichenhaftigkeit und monu­mentale Wirkung die Versinnbildlichung stati­scher Kräfteverläufc eine wesentliche Rolle spielt - im alltäglichen Gebrauch mit im Zent­rum stehen soll.

Zwei gegenläufige, jedoch untrennbar miteinander verknüpfte Aspekte treten hervor: jener des zurückgezogen schaffenden Künst­lers und jener des Unternehmers, der neben dem Firmenhauptsitz in Zürich noch Zweig­stellen in Valencia, nahe seinem Geburtsort, und in Paris unterhält. Diese sinnfällige duale Sichtweise ist in eine den ganzen Film durch­ziehende Parallelmontage zweier Bildarten überführt. Betörend schön sind die Ansichten der gebauten Resultate - auch wenn der Rhyth­mus der Montage bisweilen gar getragen ist -, ergänzt durch Aufnahmen, die den Künstler Calatrava beim geduldigen Zeichnen in der Abgeschiedenheit der Wohnung zeigen. Kont­rastierend zu diesen Sequenzen von hoher foto­grafischer Qualität sind grobkörnige Video­reportagen darüber eingestreut, was zeitlich zwischen Skizze und Fertigstellung geschieht: ein unstetes Unterwegssein, währenddessen sich der Unternehmer Calatrava mit den Mit­arbeiterinnen in den Zweigstellen bespricht, auf die Baustellen geht und Kontakte mit Bau­herrschaften pflegt.

Der einfühlsamen Binnensicht fehlt im Gegenzug eine kritische Distanz. Ein durchaus belangvoller Aspekt, zumal Calatravas erfri­schend unschweizerisches Werk in der Archi­tekturfachwelt nicht unumstritten ist, was die bisweilen unmotivierte Expressivität seiner Entwürfe, ihre betonte Eleganz und Monu­mentalität betrifft. Wesentlich scheint aber vor allem, dass nicht alle seine Arbeiten gleichermassen gelungen sind. Gerade weil sich der Film an ein breites Publikum wendet, hätte man sich hier weiter gehende Differenzierung und Argumentation gewünscht. Doch wird im exemplarischen Herausgreifen von persönlich geprägten kreativen Prozessen, die zu guten Bauten führen, wie nebenbei die Notwendig­keit vorgeführt, dass solche Bauten entstehen.

Andres Janser
geb. 1961, Dozent für Filmgeschichte und Ausstellungsmacher, schreibt über Film und Architektur.
(Stand: 2018)
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