THOMAS SCHÄRER

A SYNAGOGUE IN THE HILLS (FRANZ RICKENBACH)

SELECTION CINEMA

Ganze sieben Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde Delémont. Die erforderlichen zehn Männer, die es braucht, um einen Gottesdienst abzuhalten, sind seit Jahren auch mit kleinen Tricks nicht mehr zusammenzubringen. Aber die Synagoge steht noch - von der Zeit ge­zeichnet. Dort versammeln sich die Übrig­gebliebenen, die sich vereinzelt an den Bau des Gotteshauses erinnern können. Von diesem geschichtsträchtigen Ort aus taucht der Doku­mentarist Franz Rickenbach in die Lebensläufe ein. Der Viehhandel als Erwerbsquelle hat viele Familien geprägt, denen weitum geachtete Händler entstammen. Einer ist Architekt ge­worden, ein anderer führte ein traditionsreiches Kleidergeschäft. Vor unseren Augen nehmen die Schicksale Konturen an und verdichten sich zu einem Spiegel des einst vielfältigen jüdischen Lebens in der Nordwestschweiz. Eine mehr­mals auftauchende alte Fotografie des Viehmarktes von Delémont wird - nicht zuletzt dank hervorragender Tonarbeit - immer ver­trauter und plastischer, bis man schliesslich den Mikrokosmos des Marktes zu hören und zu riechen glaubt.

Franz Rickenbach nimmt sich bei seiner Spurensuche Zeit, den Menschen zuzuhören, und begegnet ihnen mit liebevoller Zurückhal­tung. Sein Kameramann Pio Corradi verweilt auf architektonischen Details der Synagoge, be gleitet die kleine Gemeinde in das Stadtarchiv, wo sie einen judenfeindlichen Beschluss der damaligen Stadtregicrung aus dem vorletzten Jahrhundert vorgelesen bekommen. Offenen Antisemitismus mussten nur wenige erleben - meist in der Schule -, aber viele haben Er­fahrung mit indirekten und behördlichen Dis­kriminierungen. Erst nach hundert Jahren Überzeugungsarbeit erhielt beispielsweise die jüdische Gemeinde in Basel ihren eigenen Friedhof.

Nostalgie prägt den Film, dominiert ihn aber nicht. Mit Präsenz und Humor, auch mit Selbstironie wird da vom «petit train-train quotidien» («Alltagstrott»), von erfüllten und schwierigen Lebensabschnitten erzählt. Beein­druckend ist der Zusammenhalt dieser kleinen Gemeinde und die Wärme, die von ihr ausgeht. Immer wieder zeigt Rickenbach, wie die Männer in der Synagoge stumm zusammenstehen, ihre Plätze einnehmen oder einander Anek­doten aus den vielen gemeinsamen Stunden in diesem Raum erzählen.

Diese ergreifende Verbundenheit hat Franz Rickenbach wohl auch bewogen, seine Enquete nach anderthalb dichten, rhythmisch und akustisch sensiblen Stunden über Delé­mont hinaus auf die Verwandtschaftszweige nach Biel, Beifort, Basel und ins Elsass auszu­dehnen. Auch hier gelingen ihm eindrückliche Momente, etwa die Aufnahmen von Synago­gen, die jetzt als Garage, Hühnerstall oder Lagerraum dienen. Doch die anregende Zeit­reise verliert im letzten Teil an Dichte und innerer Geschlossenheit. In einem historischen Buch wäre dieser Abschnitt im Anhang zu finden, wo das Material versammelt wird, das zusätzlich nuanciert und belegt, aber keine grundsätzlich neuen Aspekte einbringt.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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