THOMAS SCHÄRER

AZZURRO (DENIS RABAGLIA)

SELECTION CINEMA

Ein Herzinfarkt erinnert den 75-jährigen Giu­seppe de Metrio an sein baldiges Ende. Doch eines noch will er erledigen: Seine geliebte En­kelin Carla ist blind und wartet schon lange auf eine Hornhauttransplantation. Geld ist keines da, Giuseppe erinnert sich jedoch an ein Ver­sprechen seines früheren Patrons und verlässt mit Carla heimlich seine Heimat Apulien Rich­tung Schweiz.

Der Besuch beim Bauunternehmer Broyer ist jedoch eine Enttäuschung. Autistisch re­konstruiert er in einer Altersresidenz histori­sche Schlachten. In herablassender Güte über­reicht er Giuseppe ein wertloses Papier, das «Patent Broyer», das auf eine damalige Entwicklung seines loyalen Vorarbeiters zurück­geht. Desillusioniert verlässt Giuseppe den eisigen Ort. Die blinde Carla erweist sich als eigenwillige Beobachterin und bringt mit kriti­schen Fragen ihren optimistischen Grossvater in arge Bedrängnis. Die beiden finden Unter­schlupf bei Frau Broyer, die Giuseppe heimlich zart verbunden war - nicht ohne Folgen, wie er erst jetzt erfährt.

Zufällig trifft Giuseppe in Genf einen alten Arbeitskollegen und Landsmann, einen ehe­maligen Kommunisten, der es in der Schweiz zu etwas gebracht hat. Auf dem Hochzeitsfest dessen Sohnes platzt dem gutmütigen Giu­seppe der Kragen. Sein im Schweizer Arbeits­leben tausendmal verletzter Stolz schiesst in eine flammende Rede. Dann hellt sich der Horizont auf, die künstliche Bläue Apuliens (das heisst der Restauranteinrichtung) strahlt.

In einer stringenten und einfachen Bild­sprache erzählt Rabaglia mit Liebe und Respekt für alle Figuren eine in den Grundzügen wohlbekannte Geschichte der trügerischen Hoff­nung auf das Land, wo Milch und Honig flies­sen, erfrischend und humorvoll neu. Er scheut weder Dramatik noch grosse Gefühle und zeigt trotz ernstem Grundton satirisches Tempera­ment. Gekonnt spielt er per Schnitt und Musik­einsatz auf der Klaviatur der Emotionen. Ohne den schalen Nachgeschmack von papierener Wirkungsberechnung und vordergründigen Effekten bewegen sich Rabaglia und seine über­zeugenden Protagonisten (allen voran Paolo Villaggio als Giuseppe) behende zwischen Me­lancholie, Situationskomik und Spott.

Monieren mag man, dass die Geschichte wie schon Rabaglias erster Spielfilm, die Ko­mödie Grossesse nerveuse (1993), zu glatt zu wenig Widerhaken und Ambivalenzen und zu viele Zufälle aufweist. Die Rückblenden auf Giuseppes Leben in armseligen Baustellen­baracken etwa - aufgenommen in einer Sieb­zigerjahre- Fernsehästhetik - fallen eher holz­schnittartig aus. Doch Giuseppes Lavieren zwischen Groll und Versöhnung im Land, das Arbeitskräfte holte und in das Menschen Ein­zug hielten, vermag der Regisseur stimmig und ergreifend zu zeigen. Der Film ist für den im Wallis aufgewachsenen «Secondo» Rabaglia fühlbar eine Herzensangelegenheit.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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