DORIS SENN

FEI-YA! FEI-YA! / FLY, FLY (OUR CHINESE FRIENDS) (INGEBORG LÜSCHER)

SELECTION CINEMA

Die Kamera katapultiert uns in die fröhliche Kunde einer Pekinger Bar. Sie verweilt auf den angestrengten Gesichtern junger Erwachsener und fängt das hektische Spiel ihrer Hände ein: Finger zeigen aufeinander, Nasenstüber wer­den ausgeteilt, Küsse in die Luft geschickt und Ohrfeigen sanft auf der Wange des Gegenübers platziert. Die Blicke verraten Konzentration, die Körper lassen Anspannung erkennen - bis sich alles in Gelächter auflöst, die Mimik sich entspannt, Branntweingläser auf den Tisch ge­klopft und die milchige Flüssigkeit ex getrun­ken wird. Dann beginnt alles wieder von vorne.

Auch ohne Kommentar und trotz un­durchschaubarer Regeln ziehen die spieleri­schen Rituale, die gestikulierenden I fände der wechselnden Paarformationen in Bann. Man fühlt sich an ähnliche «Wettkämpfe» aus unse­ren Breitengraden erinnert, etwa an die Kinder­spiele «Alli Elefäntli flüüge» oder «Schere, Stein, Papier» oder die von Erwachsenen aus­getragene «Morra», das Zahlen-Finger-Spiel aus Italien. Fast schon unwichtig erscheint, wer hier Gewinner, wer Verlierer ist und weshalb - lässt man sich doch nur allzu gerne vom Ver­gnügen der Beteiligten anstecken. Lüschers Film vermittelt adäquat die wirbelnde Dyna­mik in vielen Grossaufnahmen, in Schuss- und Gegenschussbildern, rhythmisiert durch das «fei-ya, fei-ya» («flieg, flieg»), das die Spieler des chinesischen «Bienchenspiels» lauthals dazu skandieren.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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