VALÉRIE PÉRILLARD

SUMMERTIME (ANNA LUIF)

SELECTION CINEMA

Pubertätsgeschichten von Mädchen liegen zur­zeit im Trend: Letztes Jahr beschrieb Léa Pool in Emporte-moi (CH/CAN/F 1999) die Nöte und Freuden einer Adoleszenten. Lukas Moodysson erzählte in Fucking Amal (S 1998) die Geschichte einer lesbischen Jugendlichen und ihres Umfelds in einer miefigen schwedischen Kleinstadt, und Noémie Lvovsky liess in La vie ne me fait pas peur (F 1998) vier Mädchen er­wachsen werden. Immer geht es unter anderem um das Erwachen von Liebe und Sexualität. So auch im Kurzfilm von Anna Luif, der nach Gershwins Song Sommertone, der Leitmelodie des Films, betitelt wurde.

Im Gegensatz zu den erwähnten Lang­filmen aber, die vielschichtig und in feinen Zwi­schentönen vom Innenleben der Mädchen und von ihrer Umgebung handeln, beschränkt sich Summertime auf eine einfache Geschichte: Der Jugendlichen Nadja ist es während der Som­merferien in der Zürcher Agglomeration lang­weilig. Also verliebt sie sich in einen schneidi­gen Piloten, der in derselben Siedlung lebt. Von ihrem Fenster aus sieht sie in seine Wohnung, und sie nützt dies, um ihn ausgiebig zu foto­grafieren: eine augenzwinkernde Hommage an Hitchcocks Rear Window, ebenso wie die Szene, in der sich Nadja mit dem Piloten zu Boden wirft, um einem Modellflugzeug aus­zuweichen, an einen anderen Film des Meisters - North by Northwest - erinnert.

Nadja schwelgt in ihren Träumen, bis sie eines Pages herausfindet, dass ihr Angebeteter der Geliebte ihrer allein erziehenden Mutter ist. Darauf zerschneidet sie in einem Wutanfall deren Kleid und versucht anschliessend, den Piloten zu verführen. Als dieser sich nicht auf ihre Annäherungsversuche einlässt, bricht sie weinend zusammen. In einer letzten Einstel­lung sieht man, wie Nadja auf einen in sie ver­liebten Jungen zugeht, den sie bisher zurück­gewiesen hat.

Es ist die Geschichte eines aufflammenden Ödipuskonflikts, der schliesslich überwunden wird. Am Schluss kann sich Nadja einem Gleichaltrigen zuwenden, während sie zuvor in rivalisierende Gefühle ihrer Mutter gegenüber verstrickt war. In kurzen Sequenzen erzählt, die durch Schwarzbilder voneinander getrennt sind, entsteht der Eindruck einer fragmentari­schen Erzählung. Anders als in den zu Beginn erwähnten Filmen identifiziert man sich nicht mit der Hauptfigur, sondern schaut amüsiert von aussen auf ihre Hoffnungen und Enttäu­schungen.

Valérie Périllard
ist Volkskundlerin und arbeitet zurzeit als Übersetzerin in Zürich.
(Stand: 2018)
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