THOMAS SCHÄRER

GRIPSHOLM (XAVIER KOLLER)

SELECTION CINEMA

Noch brodelt das Berlin der frühen Dreissigerjahre - in raffinierten Amüsierlokalen versam­meln sich die Nachtschwärmer. Das liberale Klima der Weimarer Republik scheint zunächst von den Aufmärschen der Nationalsozialisten unbehelligt. Kurt Tucholsky, als kritischer Journalist und Schriftsteller «das Gewissen Deutschlands», geniesst mit seiner Muse den Puls der Grossstadt, lauscht lasziven Chansons, in der Ahnung, dass all dies bald ein Ende haben wird: Tucholsky ist angeklagt auf Grund von drei Worten aus seiner Feder: «Soldaten sind Mörder.» Sein Verleger steht hinter ihm, doch der Hellsichtige ist Deutschland über­drüssig. Es lockt die Vorstellung eines unbe­schwerten Sommers zu zweit auf dem Landsitz seines schwedischen Mäzens.

So weit die Exposition von Xavier Kollers Spielfilm Gripsholm, der Motive aus dem Ro­man Schloss Gripsholm und biografische Split­ter aus dem Leben des Schriftstellers vermischt. Eine schöne Sommergeschichte soll er mitbrin­gen aus Schweden, meint Tucholskys Verleger. Dasselbe hat sich Koller für seinen Film vor­genommen: Ein Märchenschloss mit einem dis­kreten und freigebigen Gastgeber - das ist das Refugium des gehetzten «Tigers» Tucholsky (Ulrich Noethen) und seiner «Prinzessin» Lydia (Heike Makatsch). Die Leichtigkeit des Seins - zwei Berliner Freunde sind alsbald da - gipfelt in einer tollkühnen Spritztour über den Wolken. Die Landung ist ernüchternd: Aggres­sionen brechen aus, die sich in nächtlichen Billardspielen zwischen Tucholsky und seinem an das neue Deutschland glaubenden Flieger­freund Karlchen (Marcus Thomas) angestaut haben. Auch die singende Diva der Berliner Boheme, Billie (Jasmin Tabatabai), verlässt nach einer Nacht zu dritt das Paar Tucholsky/Lydia, das sich am Ende des Sommers trennen wird.

Gripsholm ist für hiesige Verhältnisse grosszügig und sorgfältig inszeniertes Kino der Emotionen. Kollers Referenz ist Hollvwood. Aufwendige Kamerafahrten, mit vollem Mu­sikeinsatz orchestriert, zeugen ebenso wie visuell ausgekostete Flugakrobatik von diesem Anspruch, den der Film zu Beginn auch über­zeugend einlöst. Eine perfekt choreografierte Kamera (Pio Corradi), gute Schauspielleistun­gen und die bestechende Neuinterpretation von Tucholsky-Chansons durch Jasmin Tabatabai und dem Ensemble Kol Simcha machen die erste, in einem Kabarett spielende Sequenz zu einem Genuss. Doch die Intensität der Insze­nierung lässt schnell nach. Auf Dauer vermö­gen das Paar und seine unverhofften Besucher trotz sinnlich und auch witzig inszenierten Momenten nicht zu berühren. Koller vernach­lässigt in seiner Beherztheit für die romantische Schwelgerei in Kamera- und Musikeinsatz den grossen erzählerischen Bogen. Für eine wirk­lich «leichte Sommergeschichte» fehlt Grips­holm die anarchische Energie und Eigenwillig­keit. Tucholskys hoffnungsloses Leiden an Deutschland, seine tiefe innere Verlorenheit wiederum ist allzu summarisch abgehandelt. Durch diese Unentschlossenheit versprüht Gripsholm trotz schönen Glanzlichtern den eigenartig naiven Charme einer Fünfziger­jahre-Literaturverfilmung. Kollers Humanis­mus und sein Mut zu grossen Gefühlen, mit er­zählerischem Geschick in Reise der Hoffnung vereint, flottieren frei in Gripsholm.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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