DORIS SENN

TRANSITO (NINO JACUSSO)

SELECTION CINEMA

Ein Mann - eine Frau - ein Kind: Ihr grösster Wunsch ist es, zusammenzuleben, den Alltag zu teilen. Sie haben ihre Heimat hinter sich ge­lassen, wo der Polizeiapparat sie verfolgte, und leben nun zwar im selben Land, jedoch Hun­derte von Kilometern voneinander entfernt. Asylrechtliche Winkelzüge verunmöglichen es bis anhin, sie als Familie zu rekonstituieren.

Die «Protagonisten» dieser exemplari­schen (Asyl-)Geschichte heissen Hüseyin, Nursel und Danish. Ein kurdisches Paar, das sich - nach der Zerstörung des Heimatdorfs durch türkische Militärs - in Istanbul nieder­gelassen und von dort die Flucht in den Westen wagte. Hüseyin liess sich, zusammengepfercht mit neun anderen, in einem extra dafür ein­gerichteten Hohlraum eines Lastwagens nach Deutschland verfrachten, wo er sich ohne wei­tere Hilfeleistungen an einem Winterabend in Dresden wiederfand. Nursel floh zusammen mit dem zweijährigen Danish in einem mit Menschen voll gestopften Lagerraum eines Frachtschiffs, das sie nach einer fünfzehntägi­gen Reise nach Italien brachte.

Beide erzählen je für sich die unmensch­lichen Umstände ihrer abenteuerlichen Flucht, die Ankunft in einem fremden Land, die jetzige Lebenssituation: Hüseyin arbeitet in einem Kebab-Imbiss, rund vierzehn Stunden pro lag, sieben läge pro Woche. Nursel verdingte sich vorerst ebenfalls in einem Restaurant in Italien, ist vor kurzem aber mit Danish illegal nach Deutschland gereist, wo sie sich nun an einem unbekannten Ort aufhält. Die Tatsache, zu einer verfolgten Ethnie zu gehören, reicht nicht aus, um den Asylstatus zu erlangen. Weil Hü­seyin aber zur Fahndung ausgeschrieben war, konnte die Heirat in der Türkei nicht zivil voll­zogen werden. Deshalb erlaubt man ihnen zwar vorerst den Aufenthalt aus humanitären Grün­den, die Familienzusammenführung aber bleibt ihnen verwehrt: Die Hochzeit vor dem Imam wird in westlichen Ländern nicht anerkannt. Eine schier ausweglose Situation.

Transito beginnt mit einem Ausschnitt aus dem Hochzeitsvideo, das sich auch immer wie­der zwischen die Erzählpassagen schiebt: Bil­der von einer ausgelassenen Feier rund um ein ausgesprochen ernsthaftes Paar. Und paradox in ihrer Bedeutung - beinhalten doch gerade sic das Zeugnis dessen, was Hüseyin und Nursel für ein legales Zusammenleben im Westen fehlt. Die Videoaufnahmen bilden das Bindeglied zwischen den individuellen Erzählsträngen, die Nino Jacusso teils mit atmosphärischen Bildern - fahrende Lastwagen, abgetakelte Schiffs­rümpfe, überblendete Erinnerungsfotos -, teils mit Dokumentaraufnahmen - von der Ankunft der Flüchtlingsschiffe in Italien, der polizei­lichen Registrierung der Flüchtenden, den Wohn- und Arbeitsorten Hüseyins und Nursels - illustriert. Im letzten Teil werden die ein­geschobenen Videosegmente der Hochzeits­feier von Aufnahmen eines Treffens der kleinen Familie in einer nebligen Landschaft abgelöst: eine der ersten seltenen Wiederbegegnungen nach der jahrelangen Trennung, an die sich der Wunsch knüpft, wieder ein normales, gemein­sames Leben führen zu können. Formal schön komponiert, liest sich Transito als berührendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Asyl­bereich.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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