VALÉRIE PÉRILLARD

LES BAS-FONDS (DENISE GILLIARD)

SELECTION CINEMA

Denise Gilliand beobachtete in vier aufeinan­der folgenden Jahreszeiten die Theaterarbeit des Regisseurs Serge Sändor mit obdachlosen Menschen aus Paris. Gemeinsam proben sie das Stück Nachtasyl von Maxim Gorki, das sie schliesslich am renommierten Théâtre de Chaillot aufführen. Wie diese Menschen vor dem Projekt lebten, wie sie obdachlos gewor­den sind, davon erfahren wir ebenso wenig wie darüber, wie es für sie nach dem Projekt wei­tergehen wird. Der Film konzentriert sich auf den intensiven kreativen Prozess, der für sie alle zu einer wichtigen Lebenserfahrung wird. Es ging denn auch nicht darum, aus diesen obdachlosen Menschen Schauspielerinnen zu machen, sondern ihr Selbstvertrauen zu stär­ken: Sie sollen wieder zu Akteuren in ihrem Leben werden. Und es verändert sich einiges in diesem Jahr: Der eine entdeckt seine Freude am Lesen, ein anderer beginnt eine Ausbildung, und bei allen spürt man, wie sie an Selbstver­trauen gewinnen.

Von Einzelnen erfahren wir auch etwas aus dem Alltag, so zeigt ein Obdachloser das Schliessfach, in dem er sein gesamtes Hab und Gut aufbewahrt, einschliesslich des Theater­manuskripts. Trotz der prekären Lebenssitua­tion der Laienschauspieler ist der Blick aut sie niemals von Mitleid geprägt, niemals kommt der Verdacht auf, hier werde Elend ausgcbcutet. Denise Gilliand gelingt es, die Würde von Men­schen zu zeigen, die in unserer Gesellschaft oft als Sozialfälle abgestempelt werden. Das hängt damit zusammen, dass sie die Obdachlosen ohne falschen Sentimentalismus zeigt und sich auf ihre Theaterarbeit konzentriert.

Sàndor erklärt in einem Interview, das Stück von Gorki sei sehr schwierig zu spielen: Entweder müsse es von hervorragenden pro­fessionellen Schauspielerinnen oder aber dann von Laiendarstcllern aufgeführt werden, die aus ähnlichen Lebensumständen stammten. Die obdachlosen Menschen, die es nicht ge­wohnt seien, Gefühle auszudrücken, erhielten durch die Arbeit an Nachtasyl endlich die Mög­lichkeit dazu. Und sie machen dies mit beein­druckender Intensität. Die Rechnung scheint aufzugehen. Nicht nur, weil es den Obdach­losen offensichtlich gut tut, sondern auch, weil das Stück zu einem Erfolg wird.

Persönliche und kollektive Erfahrungen sind so geschickt zusammengeschnitten, dass sich ein Off-Kommentar erübrigt. Die zurück­haltend beobachtende Kamera lässt den Zu­schauerinnen genug Raum, sich auf den dar­gestellten kreativen Prozess einzulassen. Und am Schluss freuen wir uns mit den Darsteller­innen, als ihre Aufführung mit einem Riesen­applaus quittiert wird, und stellen uns mit ihnen die bange Frage, wie es jetzt weitergehen wird.

Valérie Périllard
ist Volkskundlerin und arbeitet zurzeit als Übersetzerin in Zürich.
(Stand: 2018)
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