THOMAS SCHÄRER

AL-SABBAR (PATRICK BÜRGE)

SELECTION CINEMA

«Al-sabbar» bedeutet im Arabischen sowohl «Kaktusfeige» wie auch «Geduld». Kakteen sind zäh, sie trotzen Bulldozern und sogar Feuer. Von den 400 palästinensischen Dörfern, die seit der Staatsgründung Israels 1948 zerstört wurden, zeugen oft nur noch Kakteenhaine.

Al-Sabbar nennt Patrick Bürge seine Doku­mentation über Palästinenser mit israelischem Pass auf der Suche nach ihrer Identität. Als Flüchtlinge im eigenen Land wohnen sie oft nicht weit weg von ihren ursprünglichen Dörfern. Ihre Kultur wird vom Regime tot­geschwiegen oder als jüdisch vereinnahmt. Ob­wohl die Vertreibung der Palästinenser durch die Israelis über fünfzig Jahre zurückliegt, ist sie nicht nur für die ältere Generation - die teil­weise noch immer um ihr Land prozessiert - prägend. Als Auftakt zeigt die Kamera einen arabischen Jungen mit einem Judenstern, der seine Schulkameraden im Spiel «umbringt». Eine poetischere Art der Erinnerung pflegt die populäre Sängerin Rim Banna, die alte Volks­lieder neu interpretiert. Ihre sinnliche Musik begleitet und inspiriert den Film.

Der fortschreitenden «Israelisierung» ver­suchen viele Palästinenser mit der Besinnung auf die eigene Geschichte zu begegnen. So auch

Bannas Mutter, Zuhaira Sabbagh, die als Leite­rin einer Gruppe von Fotografinnen eine Aus­stellung über alte arabische Dörfer im heutigen Israel plant. Bürge begleitet die Gruppe auf der Suche nach Spuren ihrer Vorfahren. Die Atmo­sphäre ist gespannt, viele bürokratische Hürden sind zu nehmen. Kontrollposten, Sicherheits­beauftragte und die Bewohner von ehemals arabischen Häusern behandeln sie distanziert oder mit offener Feindseligkeit. Auf ihren Re­cherchen trifft Sabbagh Hans Bernath, einen achtzigjährigen Schweizer, der mit seiner Frau seit 1948 als IKRK-Delegierter palästinensische Flüchtlinge betreut. Das Paar bereitet gerade seine Rückkehr vor. Bernath entpuppt sich als fotografisch gut dokumentierter Zeitzeuge. Doch Erinnerungen an problematische Ereig­nisse behält er für sich.

Auf dem verminten und komplexen Ter­rain des langen Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern ist Bürge gut beraten, keine Objektivität anzustreben. Seine Perspektive ist weitgehend die der Fotografengruppe. Wenn die Kamera jüdisches Territorium betritt, Män­ner im Kaftan und israelische Soldaten mit lässig umgehängten Maschinengewehren zeigt, werden die Bilder nervös und unscharf, die Schnittfrequenz erhöht sich. Bei den teilweise heftigen Konfrontationen bleibt die Kamera nahe am Geschehen, nie aber wird sie voyeuristisch. Mitunter allerdings wäre mit Feinschlif­fen am Schnitt mehr Klarheit zu erreichen ge­wesen.

Eine transparente Empathie, gepaart mit einer musikalischen und rhythmischen Sensibi­lität, verleiht Al-Sabbar über seinen hohen In­formationsgehalt hinaus eine grosse atmosphä­rische und emotionale Dichte. Bürges Film gibt einer Kultur Stimme und Bilder, die in unseren Breiten nur allzu oft auf Steine schmeissende und Bomben legende Attentäter reduziert wurde und noch immer wird.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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