THOMAS SCHÄRER

DER MEIENBERG (TOBIAS WYSS)

SELECTION CINEMA

Im Pariser Marais-Quartier ist seine Wohnung noch intakt, das handgekritzelte Schildchen «Meienberg» hängt noch immer neben der Tür. Eine alte Nachbarin lässt ihm Grüsse ausrichten. Der 1993 verstorbene Journalist und Schriftsteller, der die Schweiz polarisierte wie kein anderer, ist noch in seinem Fehlen präsent. Wenn er als Auftakt von seiner fast erotischen Lust beim Schreiben erzählt, von seinem Wil­len, den Unterprivilegierten eine Stimme zu verleihen, scheinen sein Enthusiasmus, sein Engagement, seine Masslosigkeit nicht nur auf der Leinwand im Hier und Jetzt stattzufinden.

Tobias Wyss macht sich auf biografische Spurensuche: stumme Autofahrten in Zürich­Nord, bei gleissendem Sonnenschein durchs Appenzell, begleitet von einem Radiogespräch zwischen «einem vollständig erhaltenen Kon­servativen, der politischen Saftwurzel Broger», und seinem liebsten Gegner. Niklaus Meienberg hat so viele Spuren hinterlassen, dass die Selektion anspruchsvoller als die Suche war. Nach einer knappen Einführung mit alten Fo­tos und zwei Super-8-Filmen trifft Wyss über dreissig Freunde und Kritiker des streitbaren Geistes. Er lässt sie an einem selbst gewählten Ort eine jeweils für sie wichtige Passage vor­lesen. Der ehemalige Korpskommandant Josef Feldmann ergötzt sich an der Beschreibung eines ihm aus eigener Kinderstube wohl be­kannten Rituals «es Opferli bringä»: Eine mit verlockenden Süssigkeiten gefüllte Schüssel auf dem Salontisch soll bis zu Weihnachten un­angetastet bleiben.

Von seiner Präsenz und seiner elektrisie­renden Energie ist oft die Rede. Aber auch von seinen problematischen Seiten: seine fast mani­sche Jagd nach Frauen, seine Depressionen, seine Fixierung auf Entscheidungsträger und auf ihre Anerkennung. Eine wortlose Szene, in der Meienberg den damaligen Blick-Chef Uebersax kritisch und bewundernd zugleich mustert, spricht Bände. «Er wollte ein Saubub sein, aber als solcher auch gesellschaftlich an­erkannt werden», beschreibt Alexander Seiler Meienbergs Dilemma. Nach der verstörenden Erfahrung des Golfkriegs und einem anony­men Überfall verliert er seine Lebenskraft: «Meine Weitsicht war nicht mehr gefragt, nicht einmal bei mir selber», schreibt Meienberg in seinem Abschiedsbrief.

Seiner schwierigen Suche nach einer neuen Identität in den letzten Jahren misst Wyss be­sonderes Gewicht bei. Nach Marianne Fehrs ausführlicher Biografie kann es ihm allerdings kaum gelingen, neue Aspekte zu beleuchten. Vielleicht wäre Wyss’ textbebildernde Enquete, die formal an Richard Dindos literarische Port­räts erinnert, ergiebiger gewesen, wenn er sich auf weniger Menschen konzentriert und die Annäherung essayistischer, persönlicher ge­wagt hätte. Die intensivsten Szenen sind denn auch Meienbergs pointierte Statements aus früheren Fernseh- und Radiosendungen. Mit welcher Unerbittlichkeit er in einem abgeris­senen Trenchcoat den Herausgeber und den damaligen Chefredaktor des Tages-Anzeigers wie Schulbuben abkanzelt, ist heute noch ein­drücklich. Auch wenn Der Meienberg fast aus­schliesslich Bekanntes beleuchtet, so ist das materialreiche und kurzweilige Porträt des radikalen und energiegeladenen Humanisten doch sehenswert.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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