THOMAS SCHÄRER

DIE DURSTSTRECKE (EDUARD WINIGER)

SELECTION CINEMA

Drei Jungunternehmer - wenn auch nicht mehr so jung an Jahren - versuchen mit Elan und in Selbstausbeutung ihre Firmen aufzubauen. Die Zeit der Senkrechtstarter und der schnell ge­währten Kredite ist jedoch vorbei; Erfolge wollen zäh errungen sein, die Angst vor dem Konkurs ist ständiger Begleiter. Der Kamera­mann und Dokumentarfilmregisseur Eduard Winiger schloss sich drei von ihnen - der Sportbekleidungsherstellerin und ehemaligen Politaktivistin Dodé Kunz, dem Elektroinge­nieur Claude Cellier, Entwickler eines digitalen Tonstudios, und dem Ingenieur Gabriel Stre­bei, der eine Prüf- und Sortiermaschine für Schrauben erfunden hat - während zweieinhalb Jahren in der schwierigen Startphase der Ge­schäftsgründung an.

Die Szenarien gleichen sich: Jahresab­schlüsse mit besorgten Revisoren, Sitzungen, Investorentreffen, Messebesuche, Verkaufs­gespräche und endlose Autofahrten. Doch die individuellen Temperamente sind verschieden: Dodé Kunz und Claude Cellier tauschen sich rege mit ihren Mitarbeitenden aus und finden bei ihnen auch emotionalen Rückhalt. Strebei hingegen ist ein Einzelkämpfer, der mit seiner Vorführmaschine unterwegs ist, sich an Curry­wurstständen verpflegt und auch schon mal im Auto schläft. Nachts schleicht er um die Fab­rikhalle eines vormals guten Geschäftspartners, der seine Maschine ohne Lizenzvertrag nach­gebaut hat. Als er nach einer Durststrecke von acht Jahren endlich schwarze Zahlen schreibt, verkauft Strebeis Investor die Firma. Für alle ist die Schweiz zu eng - sie versuchen ihr Glück weltweit. Cellier gezwungenermassen: Er hat von Schweizer Banken keinen Rappen gekriegt. Seine Dynamik erfasst auch die sonst eher zu­rückhaltende Kamera. Sie umkreist ihn rasant im Gewimmel einer Pariser Fachmesse: «Es ist ein Krieg; es ist ein Rennen», sagt er euphorisch.

Winiger schneidet zwischen diesen für die heutige Schweiz bezeichnenden drei Lebens- ­und Geschäftsläufen chronologisch hin und her - ähnlich wie Matthias von Gunten in seinen Reisen ins Landesinnere (1988) - wenn auch lange nicht so elegant. Leider werden der vor Längen nicht gefeite registrierende Gestus, der behäbige Kommentar und wenig über­raschende Bilder der Aktualität und der Brisanz des Themas nicht ganz gerecht. Insistierende Fragen, für die Stoff da wäre, bleiben aus. Was etwa empfindet das ehemalige Poch-Mitglied Dodé Kunz, die für eine sozialere und gerech­tere Schweiz gekämpft hat, wenn sie - um kon­kurrenzfähig zu bleiben - die Produktion von der Schweiz zuerst nach Italien und dann nach Rumänien auslagern muss? Am eindringlichs­ten ist Die Durststrecke in Momenten der Ent­täuschung und Ernüchterung, wenn die Unter­nehmenden auf sich selbst zurückgeworfen sind und die Arbeit von Jahren plötzlich ver­geblich scheint.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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