DORIS SENN

GROSSE GEFÜHLE (CHRISTOF SCHERTENLEIB)

SELECTION CINEMA

Zugegeben, warum sollten nicht auch Schwei­zer Filmemacher mit dem einmal bewährten Rezept den Erfolg ein zweites Mal heraus­fordern. Nicht lange ist es her, da begeisterte Christof Schertenleib Kritik und Publikum gleichermassen mit seiner subtil-ironischen, ebenso witzigen wie tragisch-realistischen Beziehungskomödie Liebe Lügen (1995), deren Protagonisten sich im emotionalen Hin und Her zwischen der Deutschschweiz und Öster­reich abstrampelten. Des Filmers neuestes Werk nun verweist unverhohlen schon im allitera­tiven T itel auf seinen erfolgreichen Vorläufer. Und auch sonst hat Schertenleib so einiges in seine neuste Produktion hinübergerettet: sei es inhaltlich die Liebeswelt zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die Reisen von hier nach da, die Fernbeziehungen so mit sich bringen, sei es formal das Konstruieren von Parallelgeschich­ten und die Verknüpfung durch grafische Inserts. Doch wie so häufig in Folgefilmen, bleiben bei Grosse Gefühle der launige Charme und die heitere Frische des Erstlings auf der Strecke. Und ob der grossen Erwartungen macht sich doppelte Enttäuschung breit.

Erzählt wird die Geschichte von Linus (Stefan Suske) - überzeugt monogam - und Christa (Anne Weber) - überzeugt polygam. Dazu kommen - in wechselnden Kombinatio­nen - Linus’ «Verflossene» Ewa mit Sohn in Wien und Sybil, Buchhändlerin in Bern, deret- wegen es Linus in die Schweiz gezogen hat. Weiter sind Christas Liebhaber André (im französischen Jura) und Sybils Traumprinz Franz, ebenfalls Buchhändler und in Bern, zu nennen. Die These lautet Monogamie versus Polygamie versus romantische Liebe. Die wechselnden Verwicklungen sollen das dop­pelte Spiel zwischen Sein und Schein, zwischen Anspruch und Realität aufdecken. So langfädig und papieren wie das tönt, kommt es leider auch im Film daher: Die Handlung schleppt sich hin, die Schauspieler chargieren aufgesetzt und oft an der Grenze zum Laientheater (Mar­kus Wolff als Franz). Die Konflikte bleiben in ihrer Künstlichkeit mehr Behauptung als nach­vollziehbare Krisen, die rar gestreuten Gags wiederholen sich endlos (wenn zum x-ten Mal die Sternschnuppen zuhauf über den Nachthimmel jagen). Ebenso wirken die Schauplätze, wo die verworrenen Liebesfäden in Grosse Gefühle gesponnen werden, weitgehend belie­big. Gesprochen wird - mit einem Schielen auf den Verleih im grossen deutschen Sprachraum - vorwiegend Hochdeutsch. Das mangelnde Lokalkolorit und insbesondere den mangeln­den Drive können auch die eingespielten fetzi­gen Hits der Berner Bands Züri West oder Stop the Shoppers nicht wettmachen.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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