DORIS SENN

REPLAY (ISABELLE FAVEZ)

SELECTION CINEMA

Sachte segelt die grosse Blüte vom Himmel und landet auf der Schulter eines jungen Mannes. Ein anderer siehts und ersteht bei der Markt­frau eine Blume für seine Angebetete. Es kommt zum Kuss, die zärtliche Umarmung scheint in einem Bildschirm auf, der kleiner wird und sich als Fernseher entpuppt. Daneben steht das Paar von vorhin, mitten in einer hefti­gen Krise, und die welke Blume - Erinnerungs­stück an verliebte Zeiten - fliegt im Streit durchs Fenster auf die Strasse. Dort beginnt alles von vorn: eine neue Liebesgeschichte, er­neut ein Zwist, und die Blume wirbelt wieder durch die Lüfte. Diesmal endets mit Versöh­nung, und bald fällt der Frau ein kleines Mäd­chen aus dem dick gewordenen Rock. Das Mädchen macht sich auf, die Blüte in der Hand, übers Land, in die Stadt. Es wird gross, arbeitet als Marktfrau, deren Blumenstand wieder zum Angelpunkt neuer Liebeleien und alter Lieb­schaften wird.

Diesen endlosen Bezichungsreigen er­zählt Isabelle Favez in ihrem Animationsfilm in einfachen Bildern, mit wenigen Umrissstrichen und kolorierten Flächen. Subtil und konzis skizziert sie ihre Metapher der Liebe als «replay»: Herzensgeschichten in der Endlos­schlaufe, ein Karussell der Affären und Amouren, das immer von neuem dieselben Runden dreht. Dabei beschränkt sie ihr Thema nicht auf die inhaltliche Ebene, sondern bezieht auch die formalen Mittel mit ein: Immer wieder ist das­selbe kleine Musikstück zu hören, und auch die Bilder und Szenen wiederholen sich, lediglich Blickwinkel und Konstellationen variieren. Kunstvoll jongliert Favez mit den Elementen Ton und Bild: Die Musik wird filmimmanent, wenn man den Plattenspieler - dessen Nadel sich auch noch in der Rille verfängt - oder die Violinistin beim neuen Auftakt im Bild sicht. Die Liebesabenteuer werden zum Film im Film, mutieren zum Fernsehbild, zur mediatisierten Erinnerung. Ein feines, kleines, sowohl inhaltlich wie formal komplexes Meisterstück an Animation, das sich durch unbeschwerte und verspielte filmische Selbstreflexivität auszeichnet.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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