THOMAS SCHÄRER

GENERAL SUTTER (BENNY FASNACHT)

SELECTION CINEMA

Der Liestaler Johann August Sutter führte ein Leben, das nicht nur Blaise Cendrars und Luis Trenker zu einem Roman und einem Film in­spirierte: Sutters Werdegang liefert den Stoff, aus dem die Träume sind. Als bankrotter Kauf­mann verlässt er 1834 seine Frau und fünf Kin­der Richtung Amerika, schlägt sich im mitt­leren Westen mit verschiedenen Jobs durch, baut in St. Louis ein Geschäft auf, bis es ihn endgültig nach Westen zieht, wo er mit einem spanischen Freibrief die Kolonie Neu Helvetien und die Stadt Sacramento gründet. Nach Jahren holt der Lebemann seine Familie aus der Schweiz zu sich, kommt zu sagenhaftem Reichtum, um während des Goldrauschs alles zu verlieren.

Ein solches Leben gäbe eigentlich die Vorlage für ein abenteuerliches Epos ab. Auf Grund fehlender Mittel redimensionierte Fas­nacht die Epik des Stoffes jedoch auf Kammer­spiel-Ausmasse und nahm das Bildporträt des alten Sutter, das heute im Kunstmuseum Solo­thurn hängt, zum Ausgangspunkt für seinen Film. Der Maler Frank Buchser porträtierte den «Kaiser von Kalifornien» im Auftrag der Schweizer Regierung 1866 in Washington. Fas­nacht rekonstruiert diese Porträtsitzungen in einem einfachen Hotelzimmer. Er inszeniert Buchser mit so viel Neugier und so vertrauens­würdig, dass ihm sein berühmtes Modell seine ganze Lebensgeschichte erzählt. In diese Un­terhaltung flicht Fasnacht geschickt episoden­hafte biografische Rückblenden ein.

Die Szenen in der Schweiz spielen meist in beengenden und dunklen Räumen, während die Kamera in der neuen Welt durch die weite Natur streift und Cowboys am Lagerfeuer zeigt. So wird Sutters Weg auch rein formal als Ausbruch aus einer zu eng gewordenen Heimat erlebbar. Fasnacht bedient sich hier bewusst der Konventionen des Western. Seine zehnjährige Tätigkeit als Werbefilmregisseur macht sich durch eine nostalgische Stilisierung in den Ein­stellungen bemerkbar. Der nicht unproblemati­sche Kunstgriff eines Teilzeit-Epos funktioniert dank einem hervorragenden Hannes Schmidhauser, dem Doyen des einheimischen Film­schauspiels, der dem altersmilden Haudegen eine Plastizität verleiht, welche die szenischen Rückblenden nie erreichen: zu sehr dominieren hier Kostüme und eine ins Theatralische ten­dierende Historienmalerei. Ein umfassendes Zeitgefühl vermag General Sutter mit seinen Momentaufnahmen und seiner Konzentration auf eine einzige Person nicht zu vermitteln. Die Figur des Malers Buchser (Wolfram Berger) entwickelt als Katalysator des Erinnerns kaum ein eigenes Profil. Trotz einer leicht didakti­schen Schlagseite gelingt es Fasnacht, die ambivalente und mitunter rätselhafte Persön­lichkeit Sutters facettenreich darzustellen,

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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