THOMAS SCHÄRER

SAMMLERGLÜCK & MEHRWEGFLASCHEN - FLASCHENFISCHER IM DREIECKLAND (ARMIN BIEHLER)

SELECTION CINEMA

Ein Mann fischt mit einer langen Eisenstange in einem Glascontainer. Mehrwegflaschen suchen ist sein Lebensunterhalt. Der Ethnologe Armin Biehler begleitet - bzw. mit seinen Worten «rekonstruiert szenisch» - den Alltag dreier Mehrwegflaschensammler im Dreieckland Ba­sel-Lörrach-St-Louis. Pascal Haas ist ein jun­ger Familienvater, der in häufig wechselnden Anstellungen als Lagerist arbeitet und zwi­schendurch Sammelstellen leerfischt. Das Zu­rückbringen der Flaschen besorgt seine Frau, die mit den Rückgabebons ihre Einkäufe tätigt. Gottfried von Gunten ist viel angeeckt in sei­nem Leben. Fünf Jahre lang hat er sich prak­tisch nur von Bananen ernährt, zwanzig, dreissig Stück am Tag. Jetzt weiss er, wie eine gute Banane schmeckt: Das sei wie beim Wein, man könne eine Kennerschaft entwickeln. Die säu­berlich ausgespülten und sortierten Flaschen bewahrt er bei seiner Freundin auf, die fast ein normal bürgerliches Leben führt. Die dritte Sammelnde, Frederikka Herzog, schreibt dem Filmemacher, mit seiner Ausdauer und seiner Behändigkeit würde er es bestimmt zu einem guten Flaschensammler bringen, er könne so wahrscheinlich mehr verdienen als mit der Filmerei.

Biehler verwebt Momente dieser drei Sammlerleben patchworkartig. Er ist ein Be­obachter mit Humor und Liebe zum Detail; er ist sich seiner Rolle bewusst und legt auch mal Hand an beim Kelleraufräumen. Er fühlt sich ein in die Wertmassstäbe der Porträtierten und führt sie weder als Sonderlinge noch - in sozialromantischer Manier - als wahrhaft Autonome vor. In Sammlerglück & Mehrweg­flaschen kommen viele zu Wort: Passanten, Polizisten, Grossisten und Angestellte des Ab­fuhrwesens. Was halten sie von Flaschensamm­lern? Die Spannbreite der Einschätzungen ist weit und reicht vom Penner und Alkoholiker bis hin zu Menschen, die mutmasslich natür­lich und ungebunden leben.

Ab wann ist jemand «arm»? Was ist ein guter Sammler? Was hält man von den Kolle­gen, und wie begegnet man ihnen? Was nach einer ganzheitlichen Erfassung der Sammler­existenzen klingt, ist von wohltuender Leich­tigkeit. Die Kamera ist diskret, meist hält sie Distanz und liefert aussagekräftige Kadragen. Den unprätentiösen Bildern ist anzusehen, dass Bichler die Handgriffe und Gewohnheiten der Sammelnden genau studierte, bevor er zur Kamera griff. Mit Kommentar geizt Biehler nicht, zuweilen erinnert er in seiner munteren Redseligkeit an einen Märchenonkel. Die Stärke und die Originalität des Filmes liegt in seiner Unvoreingenommenheit und seiner ge­lungenen Balance zwischen einer sehr persön­lichen und einer objektivierenden Annäherung an sein Thema. Flaschensammeln ist eben nicht nur eine ökonomische Notwendigkeit. Mit­unter kann es auch Glück bedeuten.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]