THOMAS SCHÄRER

SUD - LES DISEURS D'HISTOIRES (MOHAMMED SOUDANI)

SELECTION CINEMA

Nach mehreren Dokumentarfilmen für das Westschweizer Fernsehen liefert Mohammed Soudani mit Sud - les diseurs d'histoires eine Tour d'horizon durch die Filmgeschichten Afrikas. Er verwebt unzählige Statements von Filmschaffenden mit eigenen Impressionen aus Ägypten, Tunesien und dem frankophonen Schwarzafrika. Dazwischen zitiert er ausgiebig afrikanische Filmklassiker. Der Essav beginnt bilderlos, schwarz: Afrika sei ein Kontinent der oralen Tradition, ist zu hören.

Facettenreich geht der aus Algerien stam­mende Regisseur der Frage nach, was es bedeu­tet, in Afrika Filme zu realisieren und zu zeigen. Die angesprochenen Probleme, Paradoxe und Stärken sind meist bekannt, aber eindringlich im Kontext: Afrikanische Filme zeigten nur jenes Afrika, das die mehrheitlich französischen Geldgeber sehen wollten. Ein Kino-Operateur erzählt von seinen Vorlieben, von amerikani­schen Actionfilmen und den raren afrikani­schen Filmen, die er aufführt. Probleme des technischen Know-hows, der Infrastruktur und des (fehlenden) kulturellen Selbstbewusst-seins kommen zur Sprache.

Neben mehr oder weniger klar abgegrenz­ten Themenbereichen stehen die Geschichten im Mittelpunkt. Sie umranken das jeweilige Thema. Mitunter verdrängen sie es auch. So wird der anfangs stringente Film nach einer dreiviertel Stunde ausladend. Dies hegt zum einen in der Rhetorik seiner fast fünfzig Ge­sprächspartner von Youssef Chahine bis Idrissa Ouedraogo und seiner wenigen -partnerinnen (man vermisst beispielsweise Safi Faye): Sie sind fast alle amüsante Geschichtenerzähler. Zum anderen ist dies eine Folge von Soudams enzyklopädischer und gleichzeitig assoziativer Organisation des Materials. Er will nicht «das afrikanische Kino» zeigen - was eine postkolo­niale Vermessenheit wäre -, sondern die Vielfalt seiner Kinematographien. Dabei ruft er ins Bewusstsein, welche enormen kulturellen und materiellen Unterschiede zwischen Nord- und Schwarzafrika bestehen. Soudani überlädt mit dieser Stoffülle und seinem hohen Anspruch auf Differenzierung das Werk. Alles ist gleich wichtig. Die teilweise rasend schnellen Schnitte, die Gesprächssplitter aneinanderfügen, brin­gen die Zuschauenden an die Grenze der Aut­nahmefähigkeit.

Die Stärke von Sud - les diseurs d'histoires liegt in seiner formal einfallsreichen und atmo­sphärisch dichten Gestaltung. Soudani arbeitet viel mit Überblendungen, hat ein Auge für an­regende Kadragen und setzt Ton und Bild oft kontrapunktisch ein. Die Bilder eines Travellings durch die Strassen einer Stadt an der Côte d'Ivoire begleitet er mit verschiedenen drama­tischen Tonspuren aus Spielfdmen. Die bahrt endet sinnigerweise in einem Kino, das vor­nehmlich amerikanische Actionfilme zeigt: «Afrika muss Widerstand leisten, und seine besteWafle ist seine Kultur ... seine Identität», lauten die letzten - beschwörenden Worte im Film.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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