THOMAS SCHÄRER

HELL FOR LEATHER (DOMINIK SCHERRER)

SELECTION CINEMA

Das Londoner Finanzzentrum - die Kamera umschwebt seine Wolkenkratzer. Ein engel­gleicher Countertcnor bekennt seine Sünden, traumhaft irreale Wolken gleiten vorbei. Doch auf Erden ist der Teufel los. Er taucht in der Gestalt des Anführers einer Motorradgang auf. Einer seiner «Jünger» bekennt sich schuldig -mit Genuss - und wird geschlagen. Em Priester erscheint, eine wilde Jagd durch eine postindu­strielle Landschaft von Lager- und Fabrikhal­len beginnt. In einem siloartigen Gebäude zele­briert der Teufel mit seiner Band die sieben Todsünden. Eine Anspielung aufs Jüngste Ge­richt und eine Höllenfahrt beenden das satani­sche Treiben.

Hell for Leather ist eine filmische Kurz­oper, exaltiert und artifiziell. Zu Musik, die mal an Greenaways Hauskomponisten Michel Nyman, mal an Richard O'Brien (Rocky Horror Picture Show) erinnert, wird in Schwarzweiss theatralisch sodomisiert, geschunden, gezüch­tigt, kopuliert und natürlich gesungen. Domi­nik Scherrer hat seine selbstkomponierte Oper schon auf der Bühne aufgeführt - sicher ein Grund für die professionelle Wirkung des Spektakels. Das Timing stimmt, die Gesangs­szenen wirken lebendig und authentisch, und besonders der Hauptdarsteller zeigt «dämoni­sche Präsenz». Viel Bühnennebel, Fackelzüge, schnelle, eher konventionelle Schnitte und eine agile Kamera unterstützen die musikalische Opulenz. Versiert spielt der Regisseur mit visu­ellen Versatzstücken aus thematisch ähnlich ge­lagerten Musicals und Videochps - die Motorradbande, der Eunuch, Nacht und Regen am Hafen, der verfolgte Priester - und schafft doch eine persönliche Poesie: So beginnen sich beispielsweise zwei Tatoo-Gestalten auf der Brust des Satans zu bewegen und vollführen solch sinnliche Spiele, dass seine Feinde einen Au­genblick lang wie gebannt sind. Auffallend ist, wie Scherrer seine Schauplätze einführt. Die Towerbridge wirkt als geographische Referenz vieler Szenen. Wenn die sieben Todsünden ausgekostet sind, führt die Kamera mehrere Stock­werke innerhalb eines verfallenen Lagerhauses hoch über das Dach hinaus und verharrt auf dem Panorama des nächtlichen London. So ist Hell for Leather auch eine Art Liebeserklärung an London.

Die Religion ist tot, die Moral wird von Hypokriten verwaltet, die Politik ist verfault, Strafe und Sühne sind tot: Diese seine apoka­lyptischen Verheissungen nimmt der Film aber nicht allzu ernst. Die Satansbande endet nach ihrer Höllenfahrt als konservierte Hochkultur im Museum: Farbig sind sie in einem an Hieronymus Boschs Höllendarstellungen erinnern­den Gemälde zu bestaunen.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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