PIERRE LACHAT

L'AMOUR FOU (MICHEL RODDE)

SELECTION CINEMA

«Hotel Terminus» — Endstation Jenseits. Die Heldin ist schon tot. Ihr Sterben lässt sich nicht mehr erzählen, wohl aber das Folgende, eine Art des Überlebens. Es geht alles weiter, nur einfach anders. Sie merkt nicht sofort etwas davon. Ausdrücklich erklärt wird fast nichts, weder ihr noch uns, doch nach einer Weile leuchtet ein, worauf das Spiel aus ist: So, wie hier mit Witz und Gusto beschrieben (als wäre der Autor eben selber von dort zurückgekom­men), muss oder kann man sich jene bessere Welt vorstellen, die uns erwartet. So könnten die ersten Stunden jenes zweiten Lebens aus­sehen, das dann anzutreten ist (vielleicht), wenn das erste einmal (sicher) an sein Ende kommt.

Denn was sei das Totsein anderes, heisst es einmal, als ein «reve inepuisable», ein unerschöpflicher Traum. Eis handelt sich, mit andern Worten, um einen gewöhnungsbedürf­tigen Zustand, der ähnlich einem Satz Karten die Kausalität des sogenannt realen Daseins surrealistisch aufmischt. Wobei es letztlich eine Frage des Standpunktes ist, welches die dies-und welches die jenseitige Dimension sei. Und selbstverständlich umfasst der immerwährende Totentraum auch wieder Träume im Traum. Anfangs will die Heidill den Spuk als vermeint­liche Verwirrung ihres eigenen Geistes von sich scheuchen, doch dann lässt sie sich auf die Partie ein. Das Ende schon zu Lebzeiten hin­zunehmen ist heroisch. Es spätestens hinterher zu akzeptieren ist ganz einfach unumgänglich.

Die Anfänge ihres Totenlebens führen die Heldin ins «Hotel Terminus», sprich: Endsta­tion, wo ihr ein eher verrückter Bursche begeg­net. Er gibt sich als blind aus und wird zur Strafe geblendet. Alles hat hier seine tiefere Irrsinnslogik. Später glaubt sie, in ihm ihren lange vor ihr verschiedenen Geliebten wieder­zuerkennen. Die beiden landen auf der nächt­lich leeren Strasse, von wo sie ein Taxi ins Para­dies entführt. Doch geht der Transport nicht in biblische Gefilde, sondern in einen durchaus irdischen Garten Eden.

Michel Rodde, ein frankophoner Quer­kopf vom Jurasüdfuss, hat einen Film gemacht, wie man ihn in der Schweiz gar nicht, anderswo kaum findet: metaphysisch-burlesk, christlich­anarchistisch, so lebens- wie todesbejahend - so verrückt, wie die Eidgenossen nun einmal gern sind, auch wenn sie's so selten zeigen.

Pierre Lachat
geb. 1943, Lehrbeauftragter an der Universität Fribourg und freier Filmjournalist.
(Stand: 2018)
[© cinemabuch – seit über 60 Jahren mit Beiträgen zum Schweizer Film  ]