VINZENZ HEDIGER

CLASSE D'ACCEUIL (FERNAND MELGAR)

SELECTION CINEMA

Welch prekären Status Gastarbeiter und Asyl­bewerber in der Schweiz haben, ist hinlänglich bekannt. Der Lausanner Dokumentarfilmer Fernand Melgar, als gebürtiger Spanier mit Ge­burtsort Tanger selbst vertraut mit der Erfahrung des Fremdseins in der Schweiz, schlüsselt in Classe d'acceuil das schwierige Leben dieser bloss geduldeten Ausländer aus einem neuen Blickwinkel auf, nämlich von der Situation der mitbetroffenen Kinder her. Er hat über einen längeren Zeitraum eine Einschulungsklasse in Crissier begleitet, die neben den Kindern por­tugiesischer und türkischer Gastarbeiter vor allem von Flüchthngskindern aus Bosnien be­sucht wird.

Melgar konzipiert seine knapp einstün­dige Fernsehproduktion als Abfolge von Por­träts, doch findet er eine dramaturgische Struk­tur, mit der es ihm gelingt, Monotonie in der Behandlung der Einzelschicksale zu vermei­den. Melgar und seine Equipe begleiten die Klasse auf einem Ausflug in die Walliser Alpen. Die Montage löst in der Folge die Schüler ein­zeln aus der Wandergruppe heraus und bereitet so die Porträtsequenzen vor. Daraus entsteht eine mehrschichtige Erzählstruktur. Der Alp­ausflug bildet den Spannungsbogen, dessen Abschnitte jeweils von Originalmusik und von Aussagen der Lehrerin über die Schwierigkeiten und Probleme ihrer Arbeit begleitet wer­den. Die letzte Szene des Films, welche die Klasse am Lagerfeuer in den Bergen zeigt, bil­det zugleich den Abschluss dieses Bogens. In nüchternem Kontrast dazu stehen die eigent­lichen Porträtepisoden, die dem Verlauf eines ganzen Schuljahres entstammen.

Classe d'acceuil ist, ähnlich wie Campagne perdue von Stephane Goel, Melgars Partner bei der Produktionsfirma Climage, eine drama­turgisch ausgereifte Langzeitreponage, die zu einem relevanten Thema Stellung bezieht, ohne sich in Polemik zu verlieren. Insbesondere die Schwierigkeiten der Schüler, ihre kulturelle Identität zu definieren, vermag Melgar mit In­terview-Passagen, aber auch mit Bildaussagen einleuchtend darzustellen, wobei er auch das Klischee nicht scheut, wenn er etwa einen bos­ nischen Jungen in einer tänzerischen Bewegung vor dem Alpenfirmament zeigt. Gleichwohl eine vielversprechende Arbeitsprobe eines Do­kumentarfilmschaffens, das dem Gestus des flüssigen Erzählens verpflichtet ist.

Vinzenz Hediger
geb. 1969, Studium der Philosophie, Filmwissenschaft und Anglistik. 1999 Promotion über den amerikanischen Kinotrailer. Forschungsassistent am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Arbeitete längere Zeit als Filmjournalist für eine grössere Schweizer Tageszeitung.
(Stand: 2018)
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