DORIS SENN

HOMMEAGE (FRANZISKA MEGERT)

SELECTION CINEMA

Ein Knäuel aus echohaft verfremdeten Frauenstimmen bricht in die Stille, und ein leuchten­des Etwas nähert sich im schwarzen Raum, gibt sich als Gemälde - Tizians «Venus von Urbino» - zu erkennen und rückt so nah, dass die Pixel erkennbar werden. Der apparative Blick misst den Oberkörper der liegenden Frau aus, ruck­artig, zwischen Brust und Geschlecht hin und her. Dann gleitet das virtuelle Auge weiter. Das Bild vervielfältigt sich in einem «Fliess-Band», wird zum Akt-Fries. Bilder lösen sich heraus gen nach: nackte Frauen, wollüstig drapiert auf Liegen und zerworfenen Betten - eine Rund-um-Galerie, ein Spiegellabyrinth nackter Lei­ber. Die Gemälde schieben sich zur Seite, tau­chen wie Pappkulissen aus dem Untergrund auf, entschwinden in die Höhe, werden umge­kippt und herumgewirbelt: ein farbenprächti­ges «Museum», das rund zweihundert Frauenakte aus fünf Jahrhunderten Kunstgeschichte in einem Sampling vereinigt. Der Computer er­laubt den virtuellen Gang durch die dreidimen­sionalen Bildhallen.

Die Künstlerin Franziska Megert versteht ihre Animation als ironische Hommage an den «ewigen Mann als erotisch begehrendes We­sen» - daher der Titel. Die Akt-Anthologie ist ein Querschnitt durch die männlich geprägte Kunst. Die Blickführung materialisiert männ­liches Schauen: obsessiv verharrend, den Bild­korridoren entlang flüchtend, von der Fülle be­rauscht und gleichzeitig gehetzt. HOMMeAGE reflektiert zugleich aber die Reduzierung dieser Frauenkörper zu Objekten, vervielfältigt sie als Pop-art der kunstgeschichtlichen Ikonen. Durch den spielerischen Umgang mit den Bil­dern wandelt Megert die dargestellte Sinn­lichkeit jedoch in Stärke. Die aus Spielfilmen zusammengeschnittenen Frauenstimmen Sprachfetzen, Lachen und Kichern - wirken heiter, machen die Frauen zu Subjekten, die sich dem Zugriff entziehen.

HOMMeAGE wird immer schneller, verspiegelter, kaleidoskopischer. Der Sog der vor­beiflitzenden Bilder endet im hunten Farben­radius - und in einem neuen Blick: zentriert auf eine weibliche Figur aus I'rauenhand, einer Nana aus Niki de Saint Phallus Tarotgartcn. Aus den Pixeln der Mosaiksteine formt sich eine schwerelose Kugel, die wiederum im All entschwindet.

Doris Senn
geb. 1957, Filmjournalistin, seit 1993 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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