JAN SAHLI

VAGABONDING IMAGES (NICOLAS HUMBERT, SIMONE FÜRBRINGER)

SELECTION CINEMA

Der Ton setzt vor dem Bild ein. Rhythmisches Trommeln und Klatschen bereitet einen vibrie­renden Klangteppich vor, auf dem sich - wie als Antwort auf die Erscheinung des Titels - ein wilder, unbändiger Strom von Bildern ausbrei­tet. Verfremdete visuelle Eindrücke, verwischte Konturen, scheinbar orientierungslos aneinandergereiht, werden nicht sich selber überlassen, sondern in einen vorgegebenen Takt eingebun­den. Und plötzlich immense Stille: Der Bilderfluss stoppt, und man sieht ein einsames Ruderboot auf einem See inmitten einer Berg­landschaft und hört dazu nur noch leise Natur­geräusche.

Die ersten Einstellungen von Vagabon­ding Images zwingen die Zuschauerinnen und Zuschauer von Anfang an, ihre Sinne zu schär­fen und sich auf ein poetisches Filmcrlcbnis einzustellen. Nicht einer erzählerischen Linearität und Schlüssigkeit soll man hier folgen, sondern der Aufforderung zum Assoziieren. Dazu bietet dieses Werk ein vereinnahmendes filmisches Gewebe, dessen vielfältige Struktu­ren die Gedanken anregen.

Es sind immer wieder ganz einfache, mit­unter archetypischc «Lebensbilder», die der Film zwischen fast vollständig abstrakten Se­quenzen hervorbringt. In gleitenden oder auch - wie in der Anfangssequenz - abrupten Über­gängen wird eine Sammlung von Szenen und Motiven des menschlichen Daseins aus unter­schiedlichsten kulturellen Zusammenhängen und aus verschiedensten Lebensaltern und -Situationen präsentiert. Manchmal sind es flüchtige Eindrücke, manchmal genaue Beobachtungen, die die Filmemacher im Laufe meh­rerer Jahre gedreht haben: das Antlitz, des Mäd­chens, das genüsslich an einem riesigen Stück Melone knabbert; Busse, die vom Meerwasser umspült werden; Bauern, die durch ein karges russisches Dorf stapfen.

Einige der «Lebensbilder» nimmt man nur oberflächlich war, da allzu schnell eine gängige, wenn nicht abgedroschene Symbolik abgeru­fen wird - wie etwa die Einstellungen mit den schrumpligen Händen eines alten Menschen auf dem prallen Bauch einer Schwangeren. Viele andere berühren aber sehr unmittelbar und intensiv, da sie sich mit eigenen Erinnerun­gen und Empfindungen treffen, ja diese gerade­zu evozieren. In diesen intimen Momenten entfaltet sich die poetische Filmform von Vagabonding Images am stärksten.

Jan Sahli
geb. 1967, Studium der Filmwissenschaft und der Kunstgeschichte in Zürich und Berlin, Assistent und Lehrbeauftragter am Seminar für Film­wissenschaft der Universität Zürich, seit 1998 Mitglied der CINEMA-Redaktion, lebt in Zürich.
(Stand: 2018)
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