THOMAS SCHÄRER

LE DERNIER ÉTÉ (CLAUDE GO­RETTA)

SELECTION CINEMA

Georges Mandel war ein Politiker mit Leib und Seele. «Du betrügst mich mit deiner Politik», pflegte seine Frau ihm zu sagen. Er war stolz, konservativ und jüdisch. Ein aufrechter, kon­sequenter und dadurch für viele unbequemer Zeitgenosse. Einer, der Frankreich bis zum Schluss verteidigte und sich nicht mit den Deutschen arrangieren wollte, als diese 1940 Frankreich überrollten. Er machte sich leichter Feinde als Freunde: «II vit sa solitude comme un programme», ist im Kommentar in der kur­zen historischen Einführung durch eine Mon­tage von Wochenschaubildern zu hören.

Claude Goretta realisierte diese filmische Biographie von Georges Mandel für das fran­zösische Fernsehen, Den Film baute er strikt chronologisch auf: Mandel wird als Postminister berufen und beginnt das trage Departe­ment zu modernisieren. Er denkt voraus, bewundert technische Innovationen und ver­achtet die blasierten Bürokraten in der Verwal­tung, die er reihenweise entlässt. Im Parlament zeigt er sich als rhetorisch brillanter, streitbarer Gegenspieler des ebenfalls jüdischen Soziali­sten Leon Blum. Er wird nicht nur wegen sei­ner Politik angefeindet - Arbeiter empfangen ihn am Ausgang wütend mit der «Internatio­nalen» -, sondern vor allem als Jude. An einer militärischen Zeremonie sieht er das kom­mende Unheil Nazideutschlands heraufziehen. Goretta bebildert dies mit Wochenschauen über die Schrecken des Krieges.

Nach dem Fdnmarsch der deutschen Truppen in Paris wird Mandel von Petain ver­haftet. Wieder in Freiheit, lehnt er ein Angebot Churchills ab, in London eine Exilregierung zu bilden. Sein Stolz verbietet ihm, das bedrohte Frankreich zu verlassen. Nachdem sein Plan misslingt, von Algier aus zu wirken, wird er er­neut verhaftet. Im letzten Sommer des Krieges erschiesst ihn die Vichy-Miliz.

Goretta erzählt ökonomisch und unprätentiös. Er reiht Mandels Lebensstationen ziel­gerichtet aneinander. Die Kamera erfasst das Geschehen meist in halbnahen, relativ kurzen Einstellungen. Nur selten lockert Goretta seine bildnerische Askese und übernimmt die sub­jektive Sicht von Mandels Tochter, die mit einem Feldstecher eine parlamentarische De­batte verfolgt oder ein Wandgemälde im Par­lament fixiert. Oder er lässt die Kamera einer langen Schlange vor dem Postamt entlang über verhärmte Gesichter gleiten. Die Musik ist zurückhaltend, aber wenig originell als «Gefühlsverstärker» eingesetzt. So hinterlässt der Film trotz durchwegs guten Schauspielleistungen einen wenig inspirierten Eindruck. Zu päd­agogisch klar sind die Verhältnisse: hie gut, da böse. Zuwenig werden die existentiellen Di­lemmas, denen besonders jüdische Menschen im besetzten Frankreich gegenüberstanden, sichtbar.

Thomas Schärer
1968, studierte Filmwissenschaft und Geschichte in Zürich und Berlin. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der HGK Zürich sowie freischaf­fender Historiker und Filmjournalist.
(Stand: 2018)
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