ALEXANDRA SCHNEIDER

BLUE MOUNTAIN (THOMAS TANNER)

SELECTION CINEMA

Ein Mädchen legt nachts Steinkreise vor ihrer Zimmertür aus. Im Schlaf wird sie von einem Alptraum geplagt – die Welt der zwölfjährigen Sonja ist brüchig geworden. Daheim, in der Schule und im Ballettunterricht kann sie die ihr entgegengebrachten Erwartungen nicht mehr erfüllen.

In der Familie Balmer beginnt die Welt ebenfalls aus den Fugen zu geraten; die gut­bürgerliche Normalität muß einer Wahrheit weichen, die den kleinen und großen Lügen ein Ende setzen wird. Mutter (Eva Scheurer) und Tochter (Chandra Götz), so erfahren wir, ha­ben etwas zu verbergen: ihre Angst. Mutter Renate leidet unter Migräne und ist tabletten­süchtig. Dann lernt die Tochter Sonja ihre neue Nachbarin, die 16jährige Melanie (Sabina Lüthi) kennen. Diese ist das pure Gegenteil von Sonja: selbstsicher und wild. Sie lebte in einer Pflegefamilie, weil ihre Mutter spinne und ihr Vater Rockmusiker sei. Melanie hat den Rocker Röffe (Daniel Bill) zum guten Freund, aber ihre ganze Liebe gilt ihrem Motorrad ­einer Harley-Davidson. Durch die Bekannt­schaft mit Melanie lernt Sonja eine neue Seite des Lebens kennen: zu machen, wozu man Lust hat, Ballettstunden zu schwänzen, kurz – Spaß am Leben zu haben. »Blue Mountain« heißt ein Schmetterling, der für die beiden Mädchen Freiheit bedeutet, aber das Glück ist nur von kurzer Dauer. Melanie wird von der Polizei zurück in ein Erziehungsheim ge­bracht, sie ist für Sonjas Vater (Wolf Hofer) zu einer Bedrohung geworden, weil sie die Wahr­heit kennt: Sonja wird von ihrem Vater sexuell mißbraucht. Aber auch Melanie, muß Sonja nun feststellen, hat gelogen: Sie hat gar keinen Vater. Am Schluß muß die Lüge der Wahrheit weichen. Der Egoismus der Erwachsenen ist schwächer als die Wirklichkeit einer Mädchen­freundschaft.

Die thrillerhaft erzählte, alptraumartige Verstrickung wirkt zuweilen aufgesetzt. Da­durch entstehen Risse in der Einheit der fiktio­nalen Welt, die mit dem Drehbuch in Konflikt treten. Getragen und zusammengehalten wird Blue Mountain vor allem durch die schauspie­lerische Leistung von Chandra Götz in ihrer Darstellung der zwölfjährigen Sonja.

Alexandra Schneider
geb. 1968, Studium der Soziologie und der Filmwissen­schaft, Promotion 2001 zum privaten Familienfilm, lebt in Zürich und Berlin. Wissenschaftliche Assistentin am Seminar für Filmwissenschaft der FU Berlin. Mitglied der CINEMARedaktion seit 1994.
(Stand: 2018)
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