ANTOINE DUPLAN

ROLLING (PETER ENTELL)

SELECTION CINEMA

Lausanne mit seinen Grünanlagen, seiner Ka­thedrale, dem Olympischen Komitee ... Die außergewöhnliche Hanglage hat die Waadtlän­der Hauptstadt für eine Spezialität auserwählt, um die sie weltweit benieden wird: Die abschüssige Stadt ist zu einem Paradies für Roll­schuhfahrer geworden. Die Mähne im Wind, trunken von Freiheit, nehmen Meuten von Jugendlichen die großen Avenuen und Trep­pengeländer in Beschlag, rasen aus den Höhen hinunter bis zum Ufer des Genfersees. Ent­gegen jeglicher Vernunft nehmen sie viele Risi­ken auf sich, lavieren zwischen Autos, schwin­gen sich auf Geländer und versuchen sich an akrobatischen Kunststücken – alles unter dem vorwurfsvollen Blick von Passanten und Poli­zisten.

Im Rahmen der Sendung Tel Quel der Télévision Suisse Romande porträtierte Peter Entell 1994 denjenigen, der zur Galionsfigur dieser Freiheitsbewegung wurde: Ivano Ga­gliardo, der seine Arbeitslosigkeit und die Perspektivelosigkeit eines allgemeinen No-Fu­ture-Gefühls nur im Schwindel der Geschwin­digkeit vergessen zu können schien. In seinem Kielwasser bewegten sich andere junge Immi­grierte der zweiten Generation: Spanier, Jugo­slawen, Kambodschaner. Rolling erlaubt es, das kurze Treffen am Fernsehen zu verlängern und zu vertiefen. Die Sendung brachte Ivano Glück. Die Wellen der Bekanntheit verschaff­ten ihm Glaubwürdigkeit bei Behörden und Gläubigern und ermöglichten ihm einerseits, ein Geschäft mit Rollerskates zu eröffnen, andererseits, ein Rolling-Zentrum zu konzipie­ren, ein Video zu drehen und mit seinen Freun­den einen international anerkannten Wett­bewerb zu organisieren. Womit er gleichzeitig unter Beweis stellte, daß ein ausgefallenes Hobby auch ein Faktor sozialer Integration sein kann.

Trotz allem ist Rolling keine Erfolgsstory. Von einem Moment auf den andern steigt lvano, den man nie anders als im Wind auf sei­nen Inline-Skates dahinflitzen sah, von den Rollen. Gleichzeitig und symbolischerweise dreht damit auch das Glück. Wie Baudelaires Albatros, der in seinem Flug innehält, verliert der Halbgott des Pflasters seine Grazie, wenn er zu Fuß gehen muß. Ivano, der Idealist, der Lautere, der für seinen Geschwindigkeitstraum lebt und jeden Kompromiß zurückweist – darin inbegriffen die Vorteile des Sponsoring –, wird von der Realität eingeholt. Seine Buchhal­tung ist eine Katastrophe, seine Geschäfte gera­ten ins Wanken. Seine Beziehung – voll Enthu­siasmus und auf Rollschuhen feierte man die Hochzeit – liegt darnieder. Der Film endet mit einer Einstellung auf Ivano, wie er auf einem Mäuerchen sitzt, plötzlich unbeweglich, plötz­lich der Schwerkraft unterworfen. Die helveti­sche Disziplin hat keine Nachsicht mit diesen wunderbaren rollenden Verrückten, die etwas Unordnung und Phantasie in unsere Straßen bringen.

Antoine Duplan
geb. 1957, leitender Redaktor des Ressorts Kultur von L'Hebdo, lebt in Lausanne.
(Stand: 2018)
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