VALÉRIE PÉRILLARD

DIE ZWEITE HAND (URS BÜHLER-BHEND)

SELECTION CINEMA

Ins geordnete Leben Erich Kudelskis bricht eines Nachts der blanke Horror ein: Polizist Truniger, der unter starken Medikamenten steht, will dem sturzbetrunkenen Kudelski eine Lehre erteilen und sperrt ihn wegen Beamten­beleidigung in eine schon lange außer Ge­brauch gesetzte Ausnüchterungszelle im Keller des Polizeipostens. Sadistisch schaltet er noch­ – mitten im Sommer – die Heizung ein ... und vergißt den Gefangenen, als er am nächsten Morgen ins Spital muß, um sich die Hand abnehmen zu lassen.

Damit ist die Anlage des Films gegeben: im Zentrum Kudelskis Kampf ums nackte Überleben und seine vergeblichen Versuche, auf sich aufmerksam zu machen. Darum herum seine Frau, die verzweifelt nach ihm sucht und als Chirurgin in eben dem Krankenhaus arbei­tet, in dem Truniger operiert werden soll, und dann der Polizeiassistent, der – mit Telefonaten und Schießübungen beschäftigt – nichts vom Gefangenen mitbekommt. Als es dem benom­menen Kudelski schließlich gelingt – nach sehr, sehr langer Zeit, wie es scheint –, einen Kurz­schluß zu provozieren, wird er endlich vom Polizeiassistenten halbtot entdeckt. Mit eingebundener Hand wird sein Bett im Spital neben dasjenige von Polizist Truniger geschoben ...

Urs Bühler-Bhend gelingt es in seinem Kurzfilm eindrücklich, das Gefühl der Klau­strophobie zu vermitteln. Erbarmungslos wird der nackte, zunehmend verdreckte Körper Kudelskis gefilmt, der sich in der düsteren, in bräunlichgrünes Licht getauchten Zelle unter dem rotleuchtenden Ofen schwitzend windet und immer wieder – vergeblich – Anstrengun­gen unternimmt, irgendwie doch wahrgenom­men zu werden. Die Enge, die äußerste Not angesichts des Eingesperrtseins und die Aus­weglosigkeit der Situation werden durch die präzise, karge Inszenierung sinnlich nachvollziehbar. Nicht wenig tragen dazu auch die schauspielerische Leistung von Dirk Martens und die sorgfältige Kameraarbeit bei, in der sich dramatisierende Kadrierungen und be­wegte Plansequenzen ablösen. Die klaustro­phobe Situation geht derart unter die Haut, daß man dem Film das konstruierte Ende verzeiht, das sich humorvoll gibt, jedoch den Eindruckvermittelt, der Autor habe nicht recht gewußt, wie die gut und zügig erzählte Geschichte zu Ende zu führen.

Valérie Périllard
ist Volkskundlerin und arbeitet zurzeit als Übersetzerin in Zürich.
(Stand: 2018)
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